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Perspektive fürs Leben finden

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Ergotherapeutin Laura Wittmann begleitet die beiden Birkenhof-Bewohner beim Spaziergang mit den Tieren. © Elfriede Maresch

Der Birkenhof in Gedern bietet eine besondere Wohnform an. Dort leben 16 junge Menschen mit psychischen Erkrankungen, die Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltags brauchen.

Es ist Frühstückszeit auf dem Birkenhof in Gedern - aber ein Platz ist leer. »Wo ist Stefan?«, fragt ein Betreuer. »Der hatte doch heute Frühstücksdienst?« »Das habe ich für ihn gemacht«, antwortet ein Mitbewohner. »Stefan geht’s heute nicht gut, er ist noch im Bett. Kannst Du nachher mit ihm reden?«

S olche kleinen Szenen sind auf dem Birkenhof nicht selten. Dort leben 16 junge Menschen mit psychischen Erkrankungen, die Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltags und der Verselbstständigung ihres Lebens brauchen.

Der 23-jährige Stefan lebt seit acht Monaten auf dem Birkenhof. Er leidet an einer bipolaren Störung, die auch mit Psychopharmaka nur zum Teil abgefangen werden kann. Aus Erfahrung weiß das Birkenhof-Team, dass die dunkle Jahreszeit Bewohner mit Depressionen noch tiefer herunterziehen kann.

Während des Gesprächs merkt der Betreuer aber bald, dass mehr dahinter steckt. Am Tag zuvor hatte Stefan ein Telefongespräch mit seiner Schwester, das im Streit endete. Nach der Rückkehr von einem Auslandsjahr, das sie nach dem Abitur gemacht hatte, wollte sie, dass zu Hause die Zimmer getauscht werden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Schwester hätte gern das größere Zimmer, da Stefan ja nur besuchsweise daheim sei. Was vielleicht eher gedankenlos war statt böse gemeint, ließ Stefans ganzen Kummer aufbrechen: »Die ist bei uns die Vorzeigefigur, ich bin der Problemfall. Warum nur muss ich diese Krankheit haben?« Im Gespräch kommt Stefans ganze Verbitterung heraus.

Dass die Bewohner des Birkenhofs ihre Krankheit annehmen und eine Lebensperspektive finden, ist mit viel Arbeit verbunden - und kann nicht während eines einzigen Gesprächs erreicht werden. Das weiß der Betreuer.

Aber er kann Stefan doch helfen, aus der fast lähmenden Traurigkeit dieses Tages herauszukommen. »Sollen wir die Dienste tauschen, willst du heute zu den Alpakas gehen?«, fragt er - und trifft damit ins Schwarze. Stefan atmet auf: »Ja, ich will raus ins Freie, die Wände hier drücken richtig auf mich. Ich will zu den Tieren.«

Die schöne Lage in der Feldflur, die Fürsorge für Katzen, Ziegen, Schafe, Lamas, Alpakas, das Haus mit großem Gemeinschaftsraum, aber auch mit Sportraum, Billard, Tischtennis, Tischkicker, Darts und eigenen Zimmern - das alles sind Pluspunkte des Birkenhofes. Stefan, der am Anfang sehr ängstlich gegenüber Tieren war, hat das kleine Alpaka »Wolli« ins Herz geschlossen. Es zu füttern und am Halfter auf einen Spaziergang mitzunehmen, ist ein echter Stimmungsaufheller für ihn.

Ziel des Birkenhofs ist es, ein Lernfeld für lebenspraktische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen zu bieten, die die Bewohner für soziale und berufliche Teilhabe brauchen. Das kann zur Stabilisierung ihrer Gesundheit beitragen. Allerdings können seelische Erkrankungen immer wieder aufbrechen. Daher praktiziert der Birkenhof eine interdiszi-plinäre Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten und entsprechenden Kliniken, damit die Bewohner mit ihrer Erkrankung in eine langfristige medizinisch-therapeutische Versorgung eingebunden sind. In stabilen Phasen kann diese sehr reduziert sein.

Soziale Kompetenz entwickeln

Ein gemeinsamer Tageslauf, das Übernehmen lebenspraktischer Aufgaben, die Angebote der Arbeitstherapie, aber auch gemeinsame Unternehmungen helfen, dass sich soziale Kompetenz entwickelt. Ein wichtiger Teil des Konzepts ist die Öffnung der Einrichtung nach außen. Ein junger Mann spielt im Fußballverein eines nahen Dorfes mit, einer ist in der Feuerwehr im Nachbarort aktiv. »Die örtlichen Vereine sind erfreulich offen, wenn Bewohner von uns Interesse am Mitmachen haben«, berichtet Heimleiter Andreas Nickel.

Bewohner, deren Familien in der Nähe leben, halten Kontakt in ihr vertrautes Umfeld.

Zum Teil gelingt es über begleitete inklusive Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt, die berufliche Perspektive der Bewohner des Birkenhofes zu verbessern.

Der Aufenthalt in Gedern soll eine Brückenzeit sein. So kann unter anderem in einem Mietshaus im Nachbarort selbstständiges Betreutes Wohnen angeboten werden.

Dieses wird durch individuell abgestimmte Hilfs- und Gesprächsangebote von Fachkräften aus dem Team unterstützt. Nickel: »Das alles geschieht im Sinne unserer Konzeption ›Mensch im Mittelpunkt‹, die auf der Grundlage des Bundesteilhabegesetzes und der UN-Behindertenrechtskonvention entwickelt wurde.«

Der Birkenhof, ein ehemaliger Aussiedlerhof, mit seinen Arbeitsmöglichkeiten im Haus, im Garten, in der Werkstatt und bei der Tierhaltung - aber auch auf externen Arbeitsplätzen - ist ein Bindeglied zwischen den Klinikaufenthalten in akuten Krankheitsphasen und dem eigenständigen Leben. Anfang der 1980er Jahre wurde die Einrichtung von einem kleinen Verein zur Stabilisierung von jungen Sekten-Aussteigern gegründet, aber mehr und mehr kamen junge Menschen aus der aktuellen Zielgruppe hinzu. Zum Birkenhof-Team gehören außer Heimleiter Andreas Nickel (Pädagoge B.A., staatlich anerkannter Einrichtungsleiter und Bankkaufmann) eine medizinische Fachkraft, zwei Ergotherapeuten, eine Erzieherin, ein Heilerziehungspfleger, zwei Hauswirtschafterinnen, ein Arbeitstherapeut und eine Verwaltungsangestellte. In den vergangenen Jahren wurde deutlich, dass die Einrichtung eine breitere professionelle Trägerbasis braucht, um zukunftssicher aufgestellt zu sein. Daher ging der Birkenhof am 1. Januar 2022 einvernehmlich in die Trägerschaft der Schottener Sozialen Dienste über. VON ELFRIEDE MARESCH

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