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»Jeder hier hat Verantwortung für Entgeltentwicklung«

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Zahlreiche Mitarbeiter von Asco streiken am Freitag in Gedern, um ihrer Forderung nach mehr Gehalt Nachdruck zu verleihen. © Oliver Potengowski

Gedern (ten). Mit einer ersten Welle von Warnstreiks möchte die IG Metall den Druck auf die Arbeitgeber in den laufenden Tarifverhandlungen erhöhen. Am Freitag sind zahlreiche Mitarbeiter von Asco in Gedern zwei Stunden früher ins Wochenende gegangen.

»Wir haben uns entschieden, diesmal langsam zu starten«, erläuterte Mario Wolf, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen, den Beginn der Warnstreiks. Bei Asco in Gedern waren die Beschäftigten aufgefordert worden, ihre Arbeit bereits zwei Stunden vor Schichtende niederzulegen.

»Ich denke, es ist ein gutes Ergebnis«, zeigte sich Betriebsratsvorsitzender David Bussler mit der Beteiligung am Warnstreik zufrieden. »Die Werks-hallen sind, glaube ich, leer.« Auch Kollegen, die keine Gewerkschaftsmitglieder seien, hätten die Arbeit zwei Stunden vor dem Ende der Schicht niedergelegt. Nur in den Büros seien noch einige wenige Schreibtische besetzt.

Wolf erklärte, dass die Arbeitgeber bisher kein Angebot vorgelegt hätten. Derzeit stehe eine steuer- und abgabenfreie Einmalzahlung von 3000 Euro, wie sie die Bundesregierung vorgeschlagen habe, im Raum. Diese sei seitens der Arbeitgeber aber an eine Laufzeit des neuen Tarifvertrags von 30 Monaten gekoppelt.

Weiterer Konflikt steht im Raum

Wolf räumte ein, dass sich 100 Euro zusätzlich jeden Monat zwar interessant anhörten. Gleichzeitig mahnte er, dass auch in den nächsten Jahren mit weiteren Preiserhöhungen zu rechnen sei. »Die Inflationsrate wird nicht von jetzt auf gleich zurückgehen«, sagte er. Wenn man sich jedoch auf eine Laufzeit von 30 Monaten einlasse, gelte für diese Zeit die Friedenspflicht, die Nachbesserungen an dem Tarifvertrag und Streiks ausschließe.

Im Gegensatz zu ihren Beschäftigten könnten die Unternehmen die Inflationsrate durch Preisaufschläge weitergeben. Wolf wies darauf hin, dass es derzeit immer noch ein Wirtschaftswachstum gebe. »Der größte Motor beim Wachstum ist der private Konsum«, stellte er fest. Deshalb seien Lohnerhöhungen auch gesamtwirtschaftlich sinnvoll, um den Arbeitnehmern trotz Inflation weiter private Anschaffungen und Investitionen zu ermöglichen.

»Jeder hier hat Verantwortung für die Entgeltentwicklung in den nächsten Jahren«, mahnte Wolf zu einer hohen Streikbeteiligung. Bei Asco wie auch bei Mahle in Wölfersheim seien die Voraussetzungen dafür durch den hohen Anteil an Gewerkschaftsmitgliedern gut. »Ihr macht stellvertretend etwas für die anderen Kollegen«, betonte Wolf.

Im Gespräch mit dieser Zeitung berichtete er, dass Unternehmen, die zu wenig Lohn zahlten, angesichts des Fachkräftemangels massive Personalprobleme hätten. »Nicht tarifgebundene Betriebe kriegen keine Leute mehr, nicht mal mehr Leiharbeiter«, stellte Wolf fest.

Neben der aktuellen Tarifrunde steht bei Asco noch ein weiterer Konflikt im Raum. In den vergangenen Jahren hatten die Beschäftigten einer Entlohnung unter Tarif zugestimmt, weil die Firma seit Jahren Verluste geschrieben hatte. »Hat es Euch jemand gedankt beim letzten Stellenabbau, dass hier zehn Jahre lang unter Wert gearbeitet wurde?«, fragte Wolf rhetorisch.

Nach dem Verkauf des Unternehmens und einem folgenden Stellenabbau wurden die Mitarbeiter aufgefordert, Vorschläge zu machen, wie das Unternehmen wieder Gewinn machen kann. Bussler erläuterte, dass die Standorte in Belgien, Deutschland und Kanada inzwischen keine Verluste mehr machen. »Der Standort in USA reißt uns alle rein«, sagte er. Die Arbeitnehmer fordern Investitionen, um in Zukunft profitabler arbeiten zu können. Diese lehne das Unternehmen aber ab, so lange es keine Vereinbarung zu weiteren Einsparungen gebe. Bussler betonte, dass auch der Stellenabbau angesichts der guten Auftragslage an Grenzen gestoßen sei. »Wir haben eine 35-Stunden-Woche. Viele Kollegen haben zugestimmt, mehr Stunden zu arbeiten, damit sie die Arbeit überhaupt schaffen«, schilderte er.

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