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Dieter Schiele erzählt von Arteigenschaften und Haltung der Greifvögel.

Tiere aus der Nähe

Freiheitsliebend und doch zahm: Greifvogel-Flugschau in Bad Salzhausen

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Greifvögel bekommt man meist nur im Flug zu sehen. Weit faszinierender ist es, sie aus der Nähe zu betrachten. Dieter Schiele lädt zu einer Flugschau nach Bad Salzhausen ein.

Das graue Flügelmuster der Wanderfalken und ihre gesprenkelte Unterseite, die hellen Flecken auf dem braunen Gefieder des Steinkauzes - es ist eine perfekte Tarnung für diesen Eulenvogel. Wann kann man ihnen schon ganz nah kommen?

Gut besucht ist die Flugschau, zu der Dieter Schiele mit befreundeten Greifvogelhaltern in den Kurpark eingeladen hat. Schiele ist Maler und seit 54 Jahren Falkner. Der Ortsvorsteher von Stornfels, Mario Schneider, hat sogar alle Ortsbürger dazu eingeladen. Schiele selbst hat die Wanderfalkenweibchen Motzi, 15 Jahre alt, und Lara, einjährig, mitgebracht. Aus dem Main-Kinzig-Kreis kommen die Falkner Bernd Dietze mit einem amerikanischen Wüstenbussard und Veronika Hilse mit einem Steinkauz. Annika Petri hat keinen eigenen Greifvogel mitgebracht, hilft aber bei der Vorführung mit. Wie auch Schiele sind sie im Orden Deutscher Falkoniere (ODF) organisiert, insbesondere in der hessischen Landesgruppe.

Der Verantwortung gerecht werden

Von »Falknerethik« ist auf der Website des ODF die Rede. Davon, dass »man der Verantwortung für das gehaltene Tier nicht gerecht wird, wenn man es bloß als Prestige- oder Wertobjekt sieht«. Zwischen Mensch und Tier müsse eine Vertrauensbeziehung sein, so das Credo des ODF. Sachverstand und Rücksicht auf die Eigenschaften des jeweiligen Greifvogels seien ebenfalls unverzichtbar, betont Schiele.

Zunächst muss der Interessierte die Jägerprüfung und ein weiteres Examen speziell zu Bedürfnissen und Pflege von Greifvögeln bestehen. Die Obere Naturschutzbehörde erteilt dann die Genehmigung zur Haltung, die Tiere sind dort alle registriert und jeweils mit einem geschlossenen Ring kenntlich gemacht.

»Die Beizjagd mit Greifvögeln ist inzwischen als immaterielles Kulturgut anerkannt«, sagt Schiele mit Stolz. Er führt die Gruppe zur großen Wiese hinter dem Wasserrad und kommt auf die Beizjagd mit Greifvögeln als eine der ältesten Jagdarten zu sprechen. Es ist ein anschaulicher Vortrag, während des Sprechens hält er einen seiner Wanderfalken auf der Hand, die mit einem Lederhandschuh vor den scharfen Krallen geschützt ist. So müssen junge Falken abgetragen werden, ehe sie gelernt haben, selbstständig auf Beizjagd zu gehen, die Jagdbeute - Kaninchen, Hase, Rebhuhn oder ähnliches - aber dem Jäger zu überlassen. Gefüttert werden sie dann in der Voliere des Falkners.

Noch trägt Schieles Wanderfalkenweibchen eine Haube auf dem Kopf und gespannt beobachtet das Publikum, wie er seine Fußfessel löst, die Haube entfernt und mit einem leichten Schwung das Tier in die Luft wirft.

Mit wunderbarer Leichtigkeit steigt der Falke schnell hoch, ist nur noch ein Punkt in den Wolken und verschwindet. »Und wenn er nicht wiederkommt?«, fragt ein Kind das, was wohl viele denken. Ein Freiheitsrausch ohne Wiederkehr? Schiele greift dann doch in sein Futtertäschchen, holt ein Stück Eintagsküken hervor. In Sekundenschnelle scheint das Falkenweibchen vom Himmel herunterzustürzen, fegt knapp über Schieles Kopf vorbei, schnappt die Beute und ist schon wieder verschwunden, mit den 110 Zentimetern Flügelspannweite eine Meisterin des Fliegens. Wanderfalken steigen hoch über ihre Beutetiere in die Luft - bis 1150 Meter Höhe laut GPS-Ortung. Im Sturzflug schaffen sie bis zu 350 Stundenkilometer, greifen das Beutetier von oben, beißen im Flug das Genick durch und fressen auf einem erhöhten Platz, einem Ast oder Felsen.

Während Dietze dann seinen schön in Rostrot und Schwarz gezeichneten Wüstenbussard fliegen lässt, später auch Hilses Steinkauz seine Runden dreht, berichtet Schiele vom unterschiedlichen Jagdverhalten der Tiere.

Jungvögel kommen aus Zuchtbetrieben

Wanderfalken als Langstrecken-, Bussarde und Habichte als Kurzstreckenjäger, Adler als Greiftöter, Turmfalken als Bodentöter - das klingt recht aggressiv. Schiele kann beruhigen: »Bei weitem ist nicht jede Beizjagd erfolgreich, die Beutetiere schaffen es, in Deckung zu gehen oder zu fliehen. Außerdem sitzen Greifvögel die meiste Zeit auf einem erhöhten Beobachtungspunkt und jagen erst bei Hunger.«

Früher war es erlaubt, Greifvögel mit einem Köder in einen Fangkorb zu locken, an interessierte Halter zu geben und mittels Abtragen und Füttern zu zähmen. Solcher Wildfang ist heute verboten. Die Jungvögel kommen aus speziellen Zuchtbetrieben. Freilebende Greifvögel sind bereit, Vogelküken zu adoptieren, das heißt, sie nehmen in ihren Horst gesetzte Jungtiere an und ziehen sie groß.

Diese Erfahrung machen sich die ODF-Aktiven in der Hege zunutze. Schiele: »Noch vor zwei, drei Jahrzehnten waren die Greifvogelpopulationen erschreckend zurückgegangen, etwa, weil das in der Landwirtschaft verwendete Insektizid DDT sich fruchtschädigend auswirkte.« Der Verein hat damals zur Arterhaltung über 1000 Wanderfalkenküken in bestehende Horste eingesetzt. Derzeit versuchen sie in einem speziellen Programm, Ersatz-Nistgelegenheiten für Schleiereulen zu schaffen. Die Art ist stark gefährdet, unter anderem weil es kaum mehr Scheunen mit Einflugmöglichkeiten gibt. »Die Hege ist in der Falknerei genauso wichtig wie die Jagd.«

Dieter Schiele beendet die Falkenschau mit einem Zitat des Wissenschaftsjournalisten Horst Stern, mit dem er gut bekannt war: »Es wird immer wieder Menschen geben, die ein Tier an sich binden, indem sie ihm vertrauensvoll die Freiheit lassen.«

Weitere Flugschau

Dieter Schiele plant eine weitere Flugschau. Treffpunkt ist am Montag, 13. Dezember, um 14 Uhr an der Kur- und Touristik-Info. Dort gibt es auch Vorinformationen unter der Rufnummer 06043/96330.

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