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Zu viele Feste, zu viel Verkehr: Es rumort in der Büdinger Altstadt

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Von: Laura Eßer

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Touristische Schilder weisen den Schlossplatz als Parkplatz für Altstadtbesucher aus. Diese Hinweise sollen nach Aussagen des Bürgermeisters umgehend verschwinden. © Björn Leo

Die Lebensqualität in der Büdinger Altstadt nimmt ab, klagen die Anwohner. Der Verkehr ist eine Belastung, die Veranstaltungen und die damit verbundenen Einschränkungen schlagen aufs Gemüt.

Am Jerusalemer Tor beginnt Gott sein Dank keine Filmkulisse. Die Menschen, die in der Altstadt leben, bilden den Querschnitt der Gesellschaft ab. Ur-Büdinger wohnen neben Zugezogenen, die den Charme und das historische Ambiente längst nicht mehr missen wollen. Geschäfte, Gaststätten, Cafés und Museen sorgen für Betrieb, noch immer sind Marktplatz und Schlossgasse belebt. Doch weil das so ist und weil das alltägliche Miteinander heutzutage viel zu oft auf der Strecke bleibt, sind die Gässchen für viele Anwohner inzwischen nicht mehr nur ein Idyll, sondern wirken eng und ohne Ausweg. Zudem mündet aus ihrer Sicht die Geselligkeit vieler Menschen zunehmend in Gegröle, Vermüllung und Randale. Hinzu kommt ein prall gefüllter Veranstaltungskalender, der die Leute überfrachtet. Und der Verkehr ist nervig und zudem gefährlich.

Bürger fühlen sich vereinnahmt

Vor diesem Hintergrund sagt Birgit Haag: »Die Nutzung des öffentlichen Raumes muss neu verhandelt werden.« Zusammen mit ihrem Mann Olaf Beckmann-Haag wohnt sie seit 2004 in der Schlossgasse. Das Paar hat damals ein Fachwerkhaus gekauft, es saniert, ihm neues Leben geschenkt. »Büdingen hat alles vor Ort, ist ideal, um sich zu Fuß oder mit dem Rad fortzubewegen. Schulen, Bäcker, Ärzte - gewachsene Strukturen, die den Menschen Sicherheit geben. Aktuell verliert die Stadt jedoch an Wert«, sagt die 54-Jährige. Die Überbeanspruchung für eine Gruppe - die Anwohner - ist zu hoch geworden. »Die Balance stimmt nicht mehr. Die Lebensqualität schwindet, viele Bürger fühlen sich und ihre Altstadt vereinnahmt.«

Christian Reitz hat 2003 das Eckhaus am Marktplatz gekauft, in dem sich im Ladenlokal im Erdgeschoss die Tourist-Information befindet. Er bewohnt es mit seiner Frau Kazuko Reitz-Harada und hat ebenfalls in die Sanierung des Gebäudes investiert. »Wir genießen das Leben in der Altstadt, doch die Tage, an denen man das Gefühl hat, dass die Stimmung kippt, nehmen zu.« Der 50-Jährige schildert einige Probleme, will aber kein Lautsprecher sein, sucht lieber den Dialog. Wie viele in seinem Umfeld wünscht er sich vor allem eine bessere Kommunikation mit den Verantwortlichen der Stadt. »Wir Bewohner wollen mit auf die Reise genommen werden, wollen wissen: Was ist vor unserer Haustür geplant? Kommen wieder Sperrungen? Wie lange dauert diesmal das Programm? Gibt es eine Sperrstunde und wird diese auch durchgesetzt?«

Birgit Haag und Christian Reitz sind legitimierte Sprecher der Nachbarschaft, die sich im Zuge des Förderprogramms »Lebendige Zentren«, der Sanierung der südlichen Altstadt mit Vorstadt, engagiert. Kritisch konstatieren sie: »Ein Plan ist nicht erkennbar. Häufig genug werden die, die es betrifft, rausgehalten. was für eine geringe Wertschätzung der historischen Stadt spricht, die ja vor allen Dingen Wohnraum ist«, betont Haag. Die Verkehrsberuhigung am Wochenende, gezielte Verkehrswegeplanung, Schrittgeschwindigkeit im gesamten Altstadtbereich und konsequentes Vorgehen gegen Falschparker auf Bürgersteigen sind nur einige der Forderungen, die die Bürgerbeteiligung zutage gefördert hat.

Warum ist der Schlossplatz ausdrücklich als Parkplatz für Touristen ausgeschildert? Die Altstadtbewohner empfinden das als Affront. Warum durften im Zuge der Landpartie die Shuttles wieder bis vor die Schlosstore fahren, statt sie, wie zuletzt, auf dem Altstadtparkplatz halten zu lassen? Warum gibt es nicht bei sämtlichen Großveranstaltungen eine sinnvolle Verkehrsplanung?

Der Bürgermeister weiß um die Bedeutung der Altstadt: für den Tourismus, fürs Gewerbe, als Kulisse für Veranstaltungen und vor allem als Lebensraum. Die grundsätzliche Verkehrsberuhigung, sagt Benjamin Harris im Gespräch mit dieser Zeitung, ist sein großes Ziel. Aber: Die Sperrung am Wochenende kommt erst nach der Sanierung der Vorstadt, die neues Pflaster bekommt und an der Zufahrt mit versenkbaren Pollern ausgestattet wird, die es dann nur noch Anliegern und Geschäftsleuten erlauben, in die Altstadt zu fahren. Harris rechnet mit einem Baubeginn frühestens in einem Jahr, realistischerweise geht’s wohl erst 2024 los.

Harris kündigt Änderungen an

Zudem kündigt der Bürgermeister eine digitale Parkplatzbewirtschaftung an - für die gesamte Stadt. »Besucher werden dann direkt zum freien Stellplatz geführt. Niemand wird mehr in die Altstadt gelotst.« Dass Schilder im Stadtgebiet ausdrücklich den Schlossplatz als Parkplatz für Touristen ausweisen, nennt Harris ein Unding. »Ich lasse diese Hinweise umgehend entfernen«, kündigt er an. Und: »Eine Geschwindigkeitsreduzierung in der Altstadt ist unbedingt notwendig. Dort bin ich qua Amt dazu befugt, dies anzuordnen. Auch darum werde ich mich kümmern.«

Den Shuttle-Verkehr an der Landpartie habe er genehmigt, sagt Harris. Er sei von den Veranstaltern gebeten worden, es zu erlauben, dass die Fahrzeuge vor dem Schloss halten, damit die Kundschaft zumal große und sperrige Ware nicht weit zu transportieren habe. Den Protest nimmt der Bürgermeister ernst: »Ich werde die Situation neu bewerten. Es ist wahrscheinlich, dass die Autos im nächsten Jahr wieder den Altstadtparkplatz ansteuern.«

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Birgit Haag © Björn Leo

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