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Erinnerung ans Hochwasser

»Wir hatten Glück im Unglück« - Erinnerungen ans Hochwasser in der Büdinger Altstadt

Der 29. Januar 2021 markiert einen schwarzenFreitag in der Büdinger Geschichte. Die Altstadt versank im Hochwasser des Seemenbaches. Holger Lorenz schildert, wie er den Tag erlebt hat.

Das Pflaster ist feucht, die Luft in der Altstadt klar. Holger Lorenz hat noch gut den Moment vor Augen, als er seinen Hund Emil mit einem Feuerwehrmann ins Boot gehoben hat, das in der Sattlergasse vor seiner Haustür hielt. Und obwohl der 53-Jährige fast minutiös die Ereignisse dieses schwarzen Freitags für Büdingen schildern kann, kommen ihm im Rückblick kaum Worte des Ärgers oder der Bitterkeit über die Lippen. Über das Hochwasser vom 29. Januar und die Zeit danach erzählt Holger Lorenz lieber die Geschichte von gesellschaftlichem Zusammenhalt, von Freundschaft sowie von tief empfundener Dankbarkeit.

Kein Vergleich zum Ahrtal

»Wir Büdinger hatten doch Glück im Unglück. Wenn ich daran denke, was im Ahrtal passiert ist, darf sich hier niemand beschweren.« Holger Lorenz kennt fast jeden in der Altstadt, weiß um das soziale Gefüge. »Ja, es gibt nicht wenige in der Nachbarschaft, bei denen es nach wie vor ans Eingemachte geht«, betont er und verweist auf die Elementarversicherung, die sich viele Leute nicht leisten können. Das hatte zuweilen fatale Folgen. Es sei trotzdem kein Vergleich zu den vielen Toten und zur Katastrophe, von der sich ganze Regionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz möglicherweise nie wieder so richtig erholen werden, sagt er. Vor diesem Hintergrund hebt Holger Lorenz lieber das Positive hervor, das für ihn am Ende eines zweifelsohne denkwürdigen Jahres hängen geblieben ist. »Das Hochwasser hat gezeigt: Wir mögen ein eigenes Völkchen mit eigenem Dickkopp sein. Aber wenn’s drauf ankommt, halten wir Beuringer zusammen. Wir lassen keinen alleine.«

Schon früh kein gutes Gefühl

Am Morgen des 29. Januars war Holger Lorenz wie immer mit seinem Hund Emil unterwegs. Peter Rings, sein Freund aus der Altstadt, und er hatten beim Blick auf den Seemenbach schon früh kein gutes Gefühl. Lorenz kennt die Bedeutung der Hainmauer, die nur nur ein paar Fußminuten von seinem Haus entfernt steht. »Ich bin hingelaufen, um zu schauen, wie hoch das Wasser steht. Da sah ich, dass sie gebrochen war. Es muss erst passiert sein.« Spätestens zu diesem Zeitpunkt ahnte Holger Lorenz, was der Altstadt bevorstehen würde.

»Du siehst das Wasser und kannst nix machen. Du stehst hilfslos daneben und ergibst dich in deinem Schicksal«, versucht Holger Lorenz in Worte zu fassen, wofür es im Grunde keine Worte gibt. In seinem Haus in der Sattlergasse ist der Keller ebenerdig. Den Dampfreiniger und etwas Werkzeug schaffte er noch hoch in den ersten Stock. Schnell noch die Sicherungen raus, ein letzter Blick - das wars. Ihm war klar: Weil überhaupt nicht einzuschätzen war, was noch passieren wird, würde er sein Haus verlassen müssen. Nachbarn hatten bereits rote Fahnen ans Fenster gehängt. Für das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr, die Haus um Haus evakuierten, bedeuteten die Zeichen: Da brauchen noch Leute Hilfe. Holger Lorenz öffnete sein Fenster und rief den Helfern in einem der Boote zu: »Jungs, helft erst nebenan. Ihr könnt mich in einer halben Stunde holen.«

Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits seine Freunde Christine und Rudolf Mahlig am Hain gefragt, ob er bei ihnen nicht ein Quartier für die Nacht haben könnte. »Klar, komm hoch«, habe die Antwort gelautet. »Sie mussten gar nicht erst überlegen. Das sind echte Freunde.«

Mit Emil, einem Rucksack mit Wechselkleidung und Hundefutter stieg Holger Lorenz zu einem Feuerwehrmann ins Boot. Und wer nahm ihn dort in Empfang? Ausgerechnet Alexander Keiser, der Schwiegersohn der Familie Geißler von nebenan. Die Welt ist klein, auch in der Not. »Es sind solche Begebenheiten und Begegnungen, weshalb ich gerne in Büdingen daheim bin«, widerfährt es Holger Lorenz.

Schuldzuweisungen? - Keine Spur. Klagen? - Fehlanzeige. Es sind viel mehr Lob und Anerkennung, die der Büdinger in der Rückschau verteilt: an die Truppe vom Bauhof, die tagelang einen Knochenjob hatte. An die Malteser, die pausenlos mit Kaffee, Suppe und Brötchen unterwegs waren und immer ein paar warme Worte verteilten. An die vielen Feuerwehrmänner und -frauen, ohne die eine Stadt wie Büdingen gar nichts wäre. An die Nachbarn, die zusammen die schwere Zeit durchstanden. »Die Gemeinschaft in der Stadt ist mega«, schwärmt Holger Lorenz, der mit großem Respekt davon spricht, wie sich die Altstadt binnen kürzester Zeit aus dem Dreck gezogen hat.

Und dann bricht doch mal für einen Moment der Ärger aus dem sonst so besonnenen Mann heraus. »Es gibt bei Facebook immer wieder Leute, die Büdingen schlecht reden. Das haben die Stadt und ihre Bürger nicht verdient« Die sozialen Medien tragen seiner Auffassung nach einen großen Teil zur gesellschaftlichen Spaltung bei. Holger Lorenz bedauert, dass die Hemmschwelle bei vielen Leuten sinkt, dass sich Manches inzwischen aus der Anonymität des Internets ins wirkliche Leben überträgt. Beispielhaft erwähnt er regelmäßige Aufmärsche von Querdenkern auf dem Marktplatz.

Kritik richtet sich nach Friedberg

Von pauschaler Kritik an Verantwortlichen aus der Politik hält Holger Lorenz dagegen gar nichts. Einen abgehängten Ostkreis erkennt er allerdings schon und erwähnt Entscheidungen, die in Friedberg getroffen werden, die mit den Lebensbedingungen der Menschen im Osten der Wetterau jedoch kaum etwas zu tun haben. Dass es oberhalb des Hammers noch immer kein Hochwasserrückhaltebecken gibt, liegt seiner Ansicht nach an den wenig flexiblen Behörden in der Kreisstadt und nicht an den Entscheidungsträgern in seiner Heimat. Bürgermeister Erich Spamer habe sich dagegen in den Tagen nach dem Hochwasser vorbildlich verhalten, weil er öffentlich die politische Verantwortung übernommen hatte. »Er ist der Einzige, der Eier in der Hose hat«, sagt Holger Lorenz, der wie Spamer den Freien Wählern angehört. Andere hätten nur mit dem Finger gezeigt. »Das ist kein guter Stil und sorgt für Politikverdrossenheit.«

Viele Fragen - keine Antworten

Zufrieden mit der Hochwasserpolitik, auch mit der in Büdingen, ist Holger Lorenz dennoch nicht. Denn die wichtigsten Fragen sind für den Büdinger noch immer unbeantwortet. Wann wird das Rückhaltebecken gebaut? Wann wird die Hainmauer am Seemenbach komplett saniert? Und überhaupt: Wem gehört denn nun die Mauer? Der Stadt? Der Familie zu Ysenburg und Büdingen? Der Präsenz? Und wer vertritt die Stiftung eigentlich? »Dass wir Büdinger darauf nach wie vor keine Antworten erhalten, hinterlässt einen faden Beigeschmack.«

Und so äußert Holger Lorenz am Ende einen Wunsch fürs neue Jahr, der mehr nach einem Appell und einem Auftrag klingt: »Unsere Altstadt muss dringend geschützt werden. Sie ist gewiss historisch bedeutsam. Aber vor allem ist sie Heimat und Lebensmittelpunkt vieler Menschen. Das wird häufig vergessen.«

Am Tag nach dem Hochwasser sah es in der Sattlergasse so aus, wie überall: Sperrmüll, soweit das Auge reicht.
Die Feuerwehr war beim Hochwasser im Dauereinsatz.

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