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Für sechs Kinder aus Aulendiebach gerät der Schulweg zur Odyssee

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Statt sie nach Aulendiebach zu bringen, lässt der Busfahrer sechs Grundschüler in Büdingen aussteigen, ohne sich darum zu kümmern, wie sie nach Hause kommen. SYMBOLFOTO: DPA © dpa Picture-Alliance GmbH

Unfassbares erlebten sechs Grundschüler aus Aulendiebach. Der Busfahrer ließ die Kinder in Büdingen aussteigen, ohne sich darum zu kümmern, wie sie nach Hause kommen. Die Polizei schritt ein.

Gegen 14.30 Uhr waren die sechs Schüler nach der Mittagsbetreuung an der Georg-August-Zinn-Schule in Düdelsheim in den Bus der Linie FB-42 eingestiegen. Nach einem kleinen Umweg über Orleshausen hätte dieser sie eigentlich in Aulendiebach absetzen sollen. Doch an diesem Tag dauerte der Heimweg der zwischen sechs und neun Jahre alten Kinder viel länger.

Denn der Busfahrer, der erst seit einem guten Monat für DB Regio, das Unternehmen, das die Linie 42 bedient, arbeitet, fuhr Aulendiebach gar nicht an, sondern direkt weiter nach Rohrbach. Dass dieser Bus sie nicht nach Hause bringen würde, merkten die Schüler jedoch erst in Büdingen. Dort machte der Fahrer seine planmäßige Pause. Erst danach, als er seine Rücktour antreten wollte, bemerkte er die sechs Schüler und setzte sie am Bahnhof der Kernstadt ab, ohne sich darum zu kümmern, wie sie nach Hause kommen.

Zwischenzeitlich hatten die Eltern nach Angaben von Bianca Finkernagel, Elternbeirätin der Georg-August-Zinn-Schule, begonnen, ihre überfälligen Kinder zu suchen und die Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO) sowie die Schule angerufen. Ein Kontakt zu den Kindern selbst sei allerdings nicht möglich gewesen, da Mobiltelefone in der Grundschule verboten sind.

Kilometerlang bis nach Hause

Die Grundschüler entschieden sich, für ihren weiteren Heimweg auf die Leistungen des öffentlichen Nahverkehrs zu verzichten und machten sich zu Fuß auf den Weg. Die vier Jüngeren liefen nach Büches zu einem Freund, dessen Vater die beunruhigten Eltern der Grundschüler verständigte. Zwei Neunjährige, die beschlossen hatten, bis nach Hause zu laufen, wurden schließlich nach einem Fußweg von etwa sieben Kilometern am Abzweig nach Aulendiebach an der Bundesstraße 457 von einer Polizeistreife aufgegriffen.

Während die Kinder nach Finkernagels Angaben relativ entspannt auf die Odyssee reagiert hätten, nehmen die Erwachsenen, insbesondere auch DB Regio, den Vorfall deutlich ernster. »So einen Vorfall können wir nicht billigen«, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. »Wir befinden uns in einem Kündigungsverfahren.« Denn der Busfahrer, der erst seit dem 12. Dezember für DB Regio fährt, habe alle Vorgaben für solche Zwischenfälle nicht eingehalten.

»Wir haben dafür ein Notfallmanagement, dafür sind die Fahrer geschult«, erläutert der Sprecher. »Das Erste, was passieren muss, ist die Leitstelle anzufunken.« Doch der Fahrer habe nichts veranlasst, um die Kinder nach Hause zu bringen. »Wir haben es hier mit einem schweren persönlichen Versagen unseres bald ehemaligen Mitarbeiters zu tun.« Der Sprecher betont, dass auch alle Mitarbeiter von DB Regio, die in den vergangenen Tagen mit dem Fall befasst waren sehr erschüttert seien. Im Einklang mit dem Datenschutz versuche man, Kontakt zu den Eltern aufzunehmen und diese um Entschuldigung zu bitten.

Die Berichte über das Verhalten des Fahrers, die außer von der Elternbeirätin auch von VGO, DB Regio und Polizei in den wesentlichen Punkten bestätigt werden, sind besonders schwer nachvollziehbar, da der Busfahrer auch wegen seiner Ortskenntnis in der Region eingestellt worden sei, wie der Unternehmenssprecher erläutert. Trotzdem beginne das Arbeitsverhältnis bei DB Regio üblicherweise mit einer sechswöchigen Einweisungsfahrt gemeinsam mit einem Fahr-trainer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV). Entsprechend der Fähigkeiten, die der neue Mitarbeiter zeige, könne diese Phase verkürzt werden. »Der Kollege ist die Strecke relativ schnell alleine gefahren«, so der Sprecher.

Dabei widerspricht er auch dem Eindruck von Eltern und Kindern, die versucht hatten, ihn auf den ausgebliebenen Halt in Aulendiebach aufmerksam zu machen, dass der Fahrer kein Deutsch gesprochen habe. Sowohl VGO als auch DB Regio betonen, dass Deutschkenntnisse Voraussetzung für die Arbeit als Busfahrer im Nahverkehr der Region seien. »Es wird bei uns niemand eingestellt, der nicht fließend Deutsch kann«, stellt der DB Regio-Sprecher klar. »Ich gehe davon aus, dass der Fahrer die Schüler ignoriert hat und sie nicht verstehen wollte.«

Nicht der erste Zwischenfall

Bianca Finkernagel weist darauf hin, dass dies nicht die erste Unregelmäßigkeit im Schülertransport der vergangenen Monate gewesen sei. So seien die Busse regelmäßig überfüllt. Als ein Busfahrer plötzlich gebremst habe, sei ein Schüler, der stehen musste, gestürzt und habe sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Zweimal sei mittags gar kein Bus gekommen. »Die Eltern sind so was von genervt«, beobachtet die Elternbeirätin. Offenbar greifen sie zur Selbsthilfe. »Das Problem ist, dass jetzt die Elterntaxis zunehmen.«

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