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Elisabeth Gömmer - Büdinger Gästeführerin mit Leib und Seele

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Elisabeth Gömmer brachte im Zuge zahlreicher Stadtführungen den Gästen mit großer Leidenschaft das Büdinger Fachwerk näher - selbstverständlich stilecht in Zimmermannskluft. © Monika Eichenauer

Elisabeth Gömmer führte in 30 Jahren fast 19 000 Gäste durch Büdingen. Sie brachte mehr als 23 000 Besuchern die bald 900-jährige Geschichte des Schlosses nahe.

Die gebürtige Büdingerin ist seit Anfang der 1990er Jahre mit Besuchern in der Stadt unterwegs. Elisabeth Gömmer kennt ihre Heimat, weiß um ihre Stärken und Schwächen, um die Eigenarten und Besonderheiten. Wenn Lilo Gömmer - den meisten Büdingern ist sie mit diesem Vornamen, der aus Elisabeth entstand, bekannt - sprudelnd von ihren vielfältigen Tätigkeiten erzählt, fragt sich der Zuhörer des Öfteren: »Wie hat die Frau das alles unter einen Hut gebracht? Beruf, Gästeführerin, Sängerin auf zahlreichen Konzerten und »das bisschen Haushalt«?

Als sie Anfang des Jahres 1990 den Beginn einer Altstadtführung am Marktbrunnen beobachtete, hat es bei Elisabeth Gömmer »Klick« gemacht. Sofort ging sie zur Tourist-Information, die damals noch Fremdenverkehrsamt hieß, und meldete sich für diese Aufgabe an, die sie seither mit großer Leidenschaft ausführte - bis in der Pandemiezeit nur noch wenige Touristen ins Städtchen kamen. Nach ihrem Vorsprechen wurde sie gleich »ins kalte Wasser geworfen, eine Prüfung oder einen Rundgang mit einem Fachmann gab es damals nicht«, erinnert sie sich. Allerdings war Elisabeth Gömmer schon bekannt und so setzte sie eine Familientradition fort. Ihr Vater war bereits für den Geschichtsverein als Stadtführer tätig.

Mit Freude im Schloss

Mit jeder Gruppe ging die umtriebige Frau auch zum Schloss und erzählte dort etwas über dessen Geschichte. Dies bekam der damalige Schlossarchivar Dr. Klaus Peter Decker mit und bot ihr Schlossführungen an. Nach einigen Rundgängen mit einem erfahrenen Schlossführer war es an Ostern 1990 so weit - nun war fortan auch das fürstliche Schloss ihr »Arbeitsort«, wie sie mit Freude berichtet.

Mit 19 Sekretärin in der Verwaltung

Elisabeth Gömmer, deren Ehemann Eberhard als Nachtwächter bekannt ist, hatte nach der Mittleren Reife in Büdingen noch die Kaufmännische Handelsschule in Gelnhausen besucht und stieg 1958 ins Berufsleben ein: »eine hochinteressante Stelle, die mir großen Spaß machte«. Mit gerade mal 19 Jahren wurde sie Sekretärin des Verwaltungschefs. »Bei Bürgermeister Emil Diemer war ich das einzige weibliche Wesen im ganzen Rathaus«, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Nach Diemers Tod arbeitete sie im Vorzimmer von dessen Nachfolger Willi Zinnkann weiter. Das Rathaus befand sich zu dieser Zeit noch im heutigen Heuson-Museum. In ihrer Funktion begleitete sie bereits Gäste aus dem Ruhrgebiet, die zur Erholung im Luftkurort Büdingen weilten, auf Ausflugsfahren und erzählte unterwegs viel über die Region, wirkte gesanglich auf Unterhaltungsabenden mit und assistierte an Wochenenden oft dem Bürgermeister bei Meisterbrief-Übergaben bis hin nach Fulda.

Der Gesang war schon fester Bestandteil ihres Lebens. Denn 1956 war sie zusammen mit ihrer Mutter bei der Gründung des Büdinger Frauenchores dabei, als Mitwirkende für eine Aufführung der Operette »Winzerliesel« von Georg Mielke gesucht wurden. Dabei fiel dem musikalischen Leiter, Studienrat Ploch, die gute Stimme der damals 17-Jährigen auf. Sie bekam die Titelrolle und er riet ihr, eine Gesangsausbildung ins Auge zu fassen.

Die Aufnahmeprüfung am Konservatorium Frankfurt schaffte Elisabeth Gömmer mit Bravour, doch Berufssängerin wollte sie nicht werden, sondern sie legte großen Wert auf den Abschluss als klassische Sängerin im Opernfach. Weil das Konservatorium jedoch nur Berufssänger ausbildete, wurde sie nicht aufgenommen, erhielt aber vier Jahre Gesangsunterricht in einem Privatstudio in Gießen. Das hieß für die junge Frau, jeden Samstag von Büdingen nach Gießen zu pendeln. Durch ihre dortige Gesangslehrerin standen wochenends Konzerte in etlichen Kurorten auf dem Programm. Selbst in zwei Gefängnissen sang sie. Wochentags war die Arbeit im Rathaus angesagt.

1963 änderte sich fast alles, denn damals heiratete die Büdingerin nach Sankt Peter Ording in Schleswig-Holstein, betrieb dort mit ihrem Ehemann ein familieneigenes Restaurant mit kleiner Pension und zog drei Kinder groß. »Zeit für meine Liebhabereien und das Staatsexamen hatte ich nicht mehr und habe 23 Jahre lang nicht gesungen.«

Mit 47 Jahren kam die Büdingerin nach ihrer Scheidung wieder in die Heimatstadt zurück, arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzlei und machte mit 50 den Führerschein. »Da war ich unabhängig und nahm 1989 in Wächtersbach wieder Gesangsunterricht. Ein wegweisender Schritt«, hält Gömmer fest. »Nach kurzer Zeit gehörte ich dem Solistinnen-Ensemble Goldener Herbst an und mir stand meine kleine Musikwelt wieder offen.« Konzerte in den umliegenden Kurorten, auch an Weihnachten, in Frankfurt und Bad Pyrmont standen auf dem Programm. 1990 kamen die Stadt- und Schlossführungen dazu und »alles musste durchorganisiert werden: Konzerte, Stadt- und Schlossführungen und Berufstätigkeit«, schildert sie.

Die Liebe fürs Fachwerk

1994 folgte dann ein sehr freudiges Ereignis: die Hochzeit mit Eberhard Gömmer, der zu dieser Zeit Revierförster in Michelstadt-Würzberg war. Auch er wurde bald Stadtführer in der Altstadt und Büdinger Nachtwächter mit vielen Gästetouren. Sowohl Eberhard als auch Elisabeth Gömmer waren sehr am Büdinger Fachwerk interessiert, besuchten 17 Jahre lang in Fulda Fachwerkseminare und machten alljährliche Exkursionen mit einem Fachwerkprofessor. »Diese Kenntnisse konnten wir dann in unsere Fachwerkführungen einbringen«, erläutert die Expertin.

Gesang im Goldenen Herbst

In all diesen Jahren kam der Gesang jetzt nicht mehr zu kurz. Das Original-Ensemble Goldener Herbst löste sich zwar bereits im Jahr 2002 auf, doch mit Sigrun Schubert fand sich von 2010 bis 2012 in Büdingen eine Gleichgesinnte und kurz darauf mit Olaf Oltersdorf ein Bassist, sodass bis 2013, zur endgültigen Auflösung des Ensembles, noch weitere schöne Konzerte folgten. »Ob als junges Mädchen beim Roten Kreuz, beim Singen und Musizieren, bei Schloss-, Stadt- und Fachwerkführungen - es waren alles Tätigkeiten neben meinem Beruf, die ich geliebt und genossen habe«, zieht Lilo Gömmer ein Fazit und dankt sowohl dem fürstlichen Haus als auch den Verantwortlichen der Tourist-Information und der Stadt »für die lange wunderbare Zusammenarbeit«.

Und noch immer ist sie rührig: Im Jahr 2019 hat sie sich für die ehrenamtliche Hospizarbeit ausbilden lassen.

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