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15 Quadratmeter Lagerfläche im Keller eines städtischen Gebäudes - das ist alles, was aktuell von der Büdinger »Brauch-Bar« übrig geblieben ist. Der Kostenlos-Laden sucht noch immer nach einer neuen Unterkunft.

Unterstützung gesucht

Büdinger »Brauch-Bar« sucht noch immer nach neuen Räumen - wer hilft?

Um die »Brauch-Bar« ist es still geworden. Dabei passen die Idee und das Konzept der Einrichtung so gut in die Zeit. Noch immer sucht der Kostenlos-Laden in Büdingen nach einer neuen Bleibe.

Für viele Menschen war die »Brauch-Bar« eine zentrale Anlaufstelle. Dort gab es ein Regal fürs Kinderzimmer, einen kleinen Frühstückstisch für die Küche, eine Vase für frische Blumen vom Wegesrand oder Lesestoff für dunkle Abende. Vor allem aber war der Kostenlos-Laden mit angegliederter Werkstatt (»Reparier-Bar«) ein Treffpunkt. Geld, Geschlecht, Herkunft, Weltanschauung und Alter spielten keine Rolle. Das Gespräch, die Hilfe, das nette Wort und ein guter Tipp waren von viel größerer Bedeutung, als der tatsächliche Wert der Jeans, die wie angegossen gepasst hat.

Bis zum Februar 2021 war die »Brauch-Bar« in einer Halle in der Bahnhofstraße hinter der Hellerschen Buchhandlung untergebracht. Seitdem sucht die Einrichtung, die unter dem Dach der Ehrenamtsagentur agiert, nach einer neuen Bleibe. In einem von der Stadt zur Verfügung gestellten, kaum 15 Quadratmeter großen Keller fristen die letzten Reste ihres Inventars ein trostloses und wenig angemessenes Dasein.

Keine hohen Erwartungen

Ernsthafte Gespräche gab es im vergangenen Jahr keine Handvoll. Die Enttäuschung kann Anna Jaeger, die noch immer Leiterin des Projektes ist, nicht verbergen. »Es gibt gelegentliche Lippenbekenntnisse. Richtige Unterstützung haben wir jedoch nicht erfahren«, sagt sie im Gespräch mit dem Kreis-Anzeiger. In dieser Woche ist die »Brauch-Bar« Thema im Ausschuss für Jugend, Kultur und Soziales. Anna Jaeger wird die Gespräche dort mit Interesse verfolgen. »Wenn es um Verhandlungen mit Eigentümern von Immobilien geht, ist ein Ausschuss ja nicht wirklich handlungsfähig.« Sehr hohe Erwartungen hat sie mit ihren Leuten freilich nicht. Dass es parallel Gespräche über eine Unterkunft gibt, die sich dem Vernehmen nach in Bahnhofsnähe befindet, ändert nichts an der grundsätzlichen Ausgangslage.

Das Projekt wird im Zuge der Gemeinwesenarbeit vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration sowie von der Stadt Büdingen gefördert. Bis Ende 2024 muss ein Finanzplan erstellt worden sein, um das Fortbestehen der »Brauch-Bar« und der »Reparier-Bar« zu sichern.

Vor diesem Hintergrund denkt das Organisationsteam der beiden Einrichtungen über eine Erweiterung nach. Geplantes ist in einem Konzept zusammengefasst, das passenderweise »Mach-Bar« heißt. Mit der »Verleih-Bar« und der »Kreativ-Bar« sollen Einnahmen generiert werden, die eine Finanzierung über den Förderzeitraum hinaus sicherstellen soll.

»Manche Dinge, etwa eine Bohrmaschine, eine Luftmatratze, einen Vertikutierer oder einen Einkochtopf braucht man nur selten, aber sie nehmen viel Platz in den Schränken oder im Keller weg. Besser genutzt würden sie, wenn man sie gemeinsam mit anderen teilt, statt sie alleine zu besitzen«, heißt es im Konzept zur »Verleih-Bar«. Sie soll nach dem Prinzip einer Bibliothek funktionieren. Für einen monatlichen oder jährlichen Mitgliedsbeitrag können Dinge wie in einer Bücherei ausgeliehen und genutzt werden. »Über den Mitgliedsbeitrag wollen wir dazu beitragen, einen Teil der Kosten unserer Projekte zu decken«, so Jaeger. Man habe bereits gute Erfahrungen mit diesem Prinzip gemacht. Geschirr, Besteck und Gläser, die zum Beispiel für größere Familienfeiern genutzt werden können, sind vorhanden und in der Vergangenheit auch schon verliehen worden. Mit dem Re-Start der »Brauch-Bar« sollen weitere zum Sortiment passende Gegenstände gesammelt werden, um einen Grundstock für die »Verleih-Bar« aufzubauen.

Die »Kreativ-Bar«, die vierte Säule des neuen Konzepts, soll als dauerhaftes Atelier die Möglichkeit geben, Workshops durchzuführen, Vorträge anzubieten und Raum für Begegnung sein. Die Workshops können zum Beispiel das Upcyclen, also das kreative Aufwerten von Dingen aus der »Brauch-Bar« oder von Mitgebrachtem, zum Thema haben.

»Wir wollen aus einfachen Dingen etwas Individuelles herstellen und den Sachen einen besonderen Wert geben«, sagt Anna Jaeger. So kann aus einem ausgedienten Hemd ein Turnbeutel oder aus alten Jeans ein neuer Bezug für einen zerschlissenen Sessel werden.

Die Workshops stehen allen Interessierten offen. Ein Beitrag zur Deckung der Kosten ist denkbar. Auch in diesem Bereich hat das Team der »Brauch-Bar« schon gute Erfahrungen sammlen können. So sind bereits Workshops zur Herstellung von Reinigungsmitteln oder Kosmetika angeboten worden. Auch Nähworkshops zum Upcycling von Kleidung kamen gut an. Die könnten wiederholt werden. In Planung ist ein Workshop zum Bau von einfachen Möbeln.

Alle Angebote sind ohne geeignete Räume natürlich nicht möglich. Die wenigen ernsthaften Gespräche scheiterten bislang alle. Zumal auf dem Gelände der alten Post in der Bahnhofstraße hätte sich die »Brauch-Bar« klasse entwickeln können. Mitten in der Innenstadt, mit Hof und viel Platz - allerdings tat die wenig zielführende Kommunikation mit der Liegenschaftsverwaltung der Telekom ein Übriges. Die ehemalige Polizeistation war kurzzeitig im Fokus, auch das Hallenbad, das dank der Nähe zu den Schulen Charme und vor allem viel Platz hat. Ein Vorankommen scheiterte bislang immer. Mal lag es an der Größe, mal gab es Sicherheitsbedenken, mal war die Miete zu hoch. Manche Hauseigentümer, sagt Anna Jaeger, lehnen eine Einrichtung dieser Art mit Publikumsverkehr auch schlicht und ergreifend ab.

Anforderungen für neue Räume

In der bisherigen Bleibe hatte die »Brauch-Bar auf 150 Quadratmetern jede Menge Platz. Wünschenswert für die künftige Unterkunft wären freilich ausreichend Raum für alle vier Teile des neuen Konzeptes sowie gegebenenfalls Platz für weitere Projekte, die die vorhandene Infrastruktur nutzen könnten, schildert Anna Jaeger. Vorhanden sein sollten auf alle Fälle ein Wasseranschluss, sanitäre Einrichtungen und Strom. Insbesondere die »Reparier-Bar« benötigt zwingend eine stabile Stromversorgung. Sinnvoll wäre laut Anna Jaeger auch ein Bereich zum Aufenthalt der ehrenamtlich Tätigen. Idealerweise sollte es sich um eine innenstadtnahe und gut erreichbare Adresse handeln.

Der Ausschuss für Jugend, Kultur und Soziales tagt am Donnerstag, 13. Januar. Die Sitzung findet im Michelauer Dorfgemeinschaftshaus (Bürgerhausstraße 15) statt. Beginn ist um 19 Uhr. Das Gremium beschäftigt sich unter anderem mit der Zukunft der »Brauch-Bar«. Die CDU hatte schon 2020 einen Antrag gestellt, damit der Kostenlos-Laden im Fokus der Politik bleibt. »Das Konzept setzt auf Nachhaltigkeit. Das verdient in der heutigen Zeit die volle Aufmerksamkeit«, sagt Jonathan König, Fraktionsvortsitzender der Christdemokraten. Er hofft auf neue Impulse im neue Jahr. Konkrete Vorstellungen bezüglich einer künftigen Unterkunft der »Brauch-Bar« gibt es laut König aktuell jedoch nicht. leo

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