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Büdinger Bahnhofsviertel vor Veränderung: Glashütten-Areal erfährt neue Nutzung

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In Kürze wird ein weiteres stadtbildprägendes Gebäude in Büdingen abgerissen. Der Sandsteinbau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht nicht unter Denkmalschutz. Zuletzt brachte der Wetteraukreis in dem Haus in der Bahnhofstraße Flüchtlinge unter. © Björn Leo

Das Büdinger Bahnhofsviertel wird sich verändern. Schon im Herbst soll auf dem Areal, das einst zur Glashütte gehörte und schon länger wenig einladend wirkt, ein neuer Markt eröffnen.

Wenn es in Büdingen in den vergangenen Jahren um Stadtentwicklung ging, stand fast immer der Bahnhof im Fokus. Während auf der Südseite der Gleise moderne und exklusive Wohnungen sowie das Alten- und Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes samt einer neuen Verkehrsanbindung (Henry-Dunant-Straße) gebaut worden sind, ist der Norden bestensfalls Mittel zum Zweck geblieben: Verkehrsdrehscheibe mit Zugang zu den Zügen, Ausgangspunkt zahlreicher Buslinien und einige Gebäude, die ihre beste Zeit schon lange hinter sich haben. Wer Büdingen zum ersten Mal besucht, mit dem Zug anreist und die Szenerie beäugt, mag sich verwundert die Augen reiben: Bin ich wirklich in der Familienstadt? Hier soll es eine sehenswerte Altstadt geben? Und gehört Büdingen wirklich zu den Kommunen, die zusammen eine Landesgartenschau ausrichten wollen?

Unterkunft für Geflüchtete

Zumindest entlang der Verbindung »An der Glashütte« wird sich demnächst das Bahnhofsviertel verändern. Sämtliche Gebäude zwischen Düdelsheimer Straße und Bahnhofstraße werden abgerissen. Der Büdinger Kay Ditzel, der mit seinem Betrieb für Bagger- und Erdarbeiten auf dem Herrnhaag daheim ist, hat das Areal, das zuvor im nördlichen Bereich Fred Stenzel und im südlichen Tanja Kolb gehörte, gekauft. Während Stenzel die Kneipe »Struwwelpeter« nach 40 Jahren schon vor einiger Zeit zusperrte, brachte der Wetteraukreis in dem südlich des Lokals gelegenen Sandsteingebäude seit dem Spätsommer 2012 geflüchtete Menschen unter. Der Mietvertrag für den letzten Bewohner läuft erst Ende des Monats aus. Teile des ziemlich heruntergekommenen Mittelteils nutzt das Modehaus Müller-Ditschler als Lager. Dort sorgte von Ende der 70er Jahre bis 1985 die vor allem bei amerikanischen Soldaten beliebte Diskothek »Top Ten« immer mal wieder für Aufsehen in der Stadt. Davor sind Parkplätze, auch ein Gebrauchtwagenhändler nutzte noch im vergangenen Jahr das Gelände.

Partnerschaft und Potenzial

Kay Ditzel sieht großes Potenzial in der Fläche. »Büdingen entwickelt sich überall. In den Industriegebieten vor der Stadt und in der ehemaligen Kaserne. Die Kaufkraft nimmt weiter zu, sie soll aber auch in der Innenstadt bleiben und sie stärken«, sagt der 50-Jährige im Gespräch mit dem Kreis-Anzeiger. Mit Rainer Lapp, der im April seit zehn Jahren den Rewe-Markt in Sichtweite betreibt, scheint Ditzel den richtigen Geschäftspartner gefunden zu haben. Der Kaufmann, der dieses Jahr 60 wird, will unter dem Dach von Rewe, dem zweitgrößten Lebensmittler Deutschlands, einen Getränkefachhandel eröffnen.

Die Verträge werden in wenigen Tagen unterzeichnet. Sie scheinen nur noch Formsache zu sein. Dass Rainer Lapp mit seinen Plänen dennoch bereits in die Offensive geht, ist angesichts seines Naturells wenig überraschend. »Ich schreibe mit Rewe in Büdingen eine Erfolgsstory und kämpfe dafür, dass die Stadt weiterhin belebt bleibt. Wenn alles fertig ist, dann sind der benachbarte Lidl, mein Rewe-Markt sowie der neue Getränkehandel eine Waffe für die Innenstadt«, so Lapp. Mit einer Gesamtfläche von 2800 Quadratmetern will er angesichts der Entwicklung in der Orleshäuser Straße »Paroli bieten«. Dort gehen demnächst neben der Drogeriekette »dm« (Umzug vom Salinenhof) auch Aldi Süd (Umzug vom Industriegebiet) und Edeka (Neuansiedlung, Deutschlands größter Lebenmitteleinzelhändler) an den Start. Rainer Lapp, der deshalb seit einigen Jahren im Clinch mit der Stadtspitze liegt, sagt im Stile einer Kampfansage: »Wir werden nicht klein beigeben, sondern die Stadt aufmischen.«

Die Verkaufsfläche wird 800 Quadratmeter betragen. Lapp plant ein Geschäft, das von der Optik an eine Markthalle erinnern soll - mit fünf Meter hohen Decken, die zum Teil Tageslichteinfall ermöglichen. Das Sortiment wird im Vergleich zum Supermarkt wesentlich vergrößert. Rainer Lapp hat drei neue Leergutautomaten angeschafft, von denen einer 180 000 Euro kostet. Er baut ein Kühlhaus, das Kunden die Möglichkeit bieten wird, kistenweise gekühlte Getränke direkt mitzunehmen. Im Markt werden Paketannahmen von Hermes und DHL installiert, zudem kommt eine Lottoannahmestelle. Vor dem Laden werden 42 Parkplätze eingerichtet. Angegliedert wird eine Bäckerei mit einem Café, das eine 280 Quadratmeter große Außenterrasse bekommt. Wer als Partner mit im Boot sitzt, wird in Kürze bekanntgegeben.

»Büdingen ist für mich ein gutes Pflaster«, betont Rainer Lapp, der auch in Ranstadt, Gelnhausen, Sterbfritz (jeweils mit Getränkehandel), Altenhaßlau und Eschborn Rewe-Märkte betreibt. Insgesamt hat er knapp 300 Beschäftigte. Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit verzeichnet der Kaufmann eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent. Das schafft für ihn natürlich Spielraum, auch im Supermarkt neben dem ehmaligen Joh-Gebäude nach einer Dekade noch einmal kräftig zu investieren. »Bis auf den schnellen Einzelflaschenverkauf, etwa von Schnaps und Wein, sowie Bier-Sixpacks kommen alle Getränke raus«, so Lapp. Der so entstehende Platz soll für breitere Gänge und eine Erweiterung des Sortiments sorgen. Zudem steht eine energetische Sanierung an. Laut Lapp wird auch in den Standort der Bäckerei Naumann im Markt investiert. Bislang verzeichnet der Rewe-Markt am Tag 2000 Kunden. Nach der Sanierung und dem Bau des Getränkemarktes sollen es noch mehr werden. Dafür investiert Rainer Lapp gut und gerne 1,5 Millionen Euro.

Abrissarbeiten stehen kurz bevor

Derweil läuft die Entkernung der Gebäude an der Glashütte bereits auf Hochtouren. In zwei bis drei Wochen rücken dann die Abrissbagger an. Nach Angaben von Kay Ditzel liegt das Investitionsvolumen auf der gesamten Fläche bei etwa drei Millionen Euro.

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40 Jahre war der »Struwwelpeter« für viele Büdinger ein beliebter Treffpunkt. Nachdem die Kneipe schon länger geschlossen ist, verschwinden nun bald auch die letzten Hinweise... © Björn Leo

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