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Beißend und kämpferisch: Max Uthoff nimmt Politik und Gesellschaft aufs Korn

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Kabarettist Max Uthoff (Mitte) mal wieder in Oberhessen: Michael Glebocki und Dorotheé Arden haben ihn in die Willi-Zinnkann-Halle geholt. © Detlef Maresch

Er nimmt kein Blatt vor den Mund und seziert Politik und Gesellschaft gnadenlos und sprachversiert: Der Kabarettist Max Uthoff präsentierte sein Programm »Moskauer Hunde« in der Willi-Zinnkann-Halle.

Wieder einmal waren es Dorothée Arden und Michael Glebocki vom Fresche Keller, der Kleinkunstbühne ohne feste Mauern, gelungen, den Top-Kabarettisten nach Oberhessen zu locken. 220 Zuschauer waren der Einladung gefolgt. Sichtlich genossen sie es, den »Anstalt«-Anwalt live zu erleben.

Max Uthoff machte es spannend. Aus dem Off des dunklen Saals kam seine Stimme »Was wollen Sie von mir?« Auf der Bühne im Scheinwerferlicht blickte er auf das »bunt gemischte Kabarettpublikum«. Die Formulierung sei genauso ein Oxymoron, eine Verbindung völlig widersprüchlicher Begriffe, wie »leckeres Bitburger«, »rechtes Gedankengut« oder »gesunder Menschenverstand«.

Der sprachsensible Uthoff ließ noch ein besonderes Bonbon folgen, das ihm bei einem Rundgang durch Wien aufgefallen war: »Esoterisches Fachgeschäft«. Machte er mit dem kritischen Blick auf die Formulierung »Bunt gemischtes Publikum«, seinen Zuhörern ein indirektes Kompliment?

Interessierte quer durch die Generationen waren gekommen, aber zumindest einte sie die Bereitschaft, sich auf Uthoffs treffsichere, aber oft tiefschwarze Kritik an der Absurdität politischer und wirtschaftlicher Systeme, an menschlicher Blindheit einzulassen.

Uthoffs sprachliche Brillanz, die Treffsicherheit, mit der er seine Pointen setzte, die konzentrierte Dynamik seines Programms täuschten nicht darüber hinweg, dass er Abgründiges thematisiert. Häufig kam Spontanapplaus aus dem Saal.

Er kritisierte die Menschen, nicht die Vierbeiner, wenn er vom Hunde-und-Katzen-Schlaraffenland des Westens sprach, wo überfettete Köter und Stubentiger mit fein abgestimmten Zubereitungen von Huhn bis Fisch verwöhnt werden, für deren Preis ein Bürger anderer Länder eine Woche lang leben könnte.

Abstruser Medientalk mit Links und Rechts

Der Kabarettist machte es ganz konkret: »Kein Wunder, dass es sie alle nach Europa zieht: die Zwölfjährigen, die auf den Mülldeponien von Ghana im Schrott wühlen und laufend giftige Dämpfe einatmen, um schlecht bezahlte Kleinteile rauszuholen. Oder die 14-Jährigen aus Kambodscha, die in eiskaltem Wasser den Exportartikel Krabben fangen müssen. Oder die jungen Kongolesen, die entweder von deutschen Waffen getötet werden oder in den Coltan-Minen schuften, damit die Wohlhabenden dieser Welt sich das neuste iPhone krallen können!«

So viel Blindheit und Verleugnung: »Die Gletscher schmelzen, ein Tempolimit ist politisch nicht durchsetzbar und die Welt ist voller Aufregung über den Tod einer 96-Jährigen.«

Uthoff wechselte zu wichtigeren Themen: »Reden wir über den Krieg!« und spielte spontan als Beispiel der »Debattenkultur 2022« einen abstrusen Medientalk zwischen einem linken »Experten für fast alles« und einem aus der rechten Ecke, der es kürzer und bündiger machte: »Stirb, du Sau!«

Uthoff lernte aus vergangenen Fehleinschätzungen. Es war wohl weniger die Medienkritik an seinen »Schwarz-Weiß-Aussagen« über die von den USA ferngesteuerte Ukraine und Russland, das nur seine Interessen und die der ostukrainischen Bevölkerung schützen will.

Die Kriegsereignisse sprachen für sich. Jetzt brachte der Kabarettist es auf den Punkt: »Ich lasse mir von dem Wichser im Kreml nicht meinen Pazifismus nehmen.« Trotzig folgte: »Pazifismus ist heute schon fast ein Vorwurf!«

Wehrkraftzersetzung im Verteidgungsministerium?

Die deutsche Politik bekam den verdienten Sarkasmus ab: »Das Verteidigungsministerium unter von der Leyen, Kramp-Karrenbauer und jetzt Christine Lambrecht - das ist echte Wehrkraftzersetzung!«

Bei Wolfgang Kubicki ist von »Teil des Großhirns im Riesling ertrunken« die Rede. Der Merz-Besuch in der Ukraine wird mit »Haben die nicht schon genug gelitten?« kommentiert und der Bundeskanzler, »König Olaf, der Monotone« kommt im Vergleich zur FDP (»für die größtmöglichen gesellschaftlichen Probleme die dümmstmöglichsten Lösungen«) noch milde weg. Uthoff: »Die Welt zerfällt - das ist die Frucht des Neoliberalismus.«

Der Kabarettist wandert souverän durch die Geistesgeschichte. Er zitiert »Sigmund Freud über Markus Söder«: »Schamlosigkeit ist ein Zeichen des Schwachsinns« und Blaise Pascal: »Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.«

Ist Uthoff ein böser Kabarettist? Ein kämpferischer gewiss, der »mit den Mitteln der Satire gegen das kapitalistische System angehen will«, wie er in einem Interview sagte. Und ein sensibler und trauriger, dessen Appell für mehr Solidarität und Gerechtigkeit bei allem Witz unüberhörbar ist. Auch im Programm »Moskauer Hunde«.

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