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Alban Burster: Hochwasser wie 2021 kann in Büdingen immer wieder passieren

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Wetterexperte Alban Burster macht sich für den Hochwasserschutz in seiner Heimat stark. Von den Entscheidungsträgern auf Kommunal- und Landesebene ist er enttäuscht. © pv

Mildes Wetter Anfang Januar und der bevorstehende Jahrestag des Hochwassers vom 29. Januar 2021: Der KA hat dazu den Meteorologen und Wettermoderator Alban Burster aus Büdingen interviewt.

Gleich zu Beginn des Jahres scheint das Wetter einige seiner Launen bereitzuhalten: Ungewöhnlich hohe Temperaturen, gefolgt von starkem Regen und einbrechender Kälte. Hinzu kommen die Erinnerungen an das vergangene Jahr: Wie wahrscheinlich ist es, dass es erneut zu einem derart schweren Hochwasser kommt, wie es am 29. Januar 2021 die Region und vor allem die Büdinger Altstadt getroffen hat? Der Kreis-Anzeiger hat mit dem Experten Alban Burster über die aktuelle Wetterlage, den Klimawandel und die Gefahr eines erneuten Hochwassers gesprochen.

Herr Burster, im Hinblick auf das Wetter dürfte der Jahreswechsel viele eher an den Frühlingsanfang erinnert haben. Im östlichen Wetteraukreis stiegen die Temperaturen an Neujahr bis auf 13 Grad. Ist das ein Rekordhoch? Wie kommt diese ungewöhnliche Wetterlage zustande?

Schaut man auf die vergangenen Jahrzehnte, lässt sich schnell ableiten, dass Temperaturen von über zehn Grad plus gar nicht mehr so ungewöhnlich für unsere Winter sind. Älteren Generationen mag das ungewöhnlich vorkommen, während Jüngere es vielleicht gar nicht anders kennen. Es gab durchaus schon mildere Jahresanfänge, beispielsweise 2011: Nach einem eiskalten und verschneiten Dezember 2010 brach zum neuen Jahr der Frühling mit Temperaturen von um die 15 Grad aus. Solche Temperaturen kommen zustande, wenn ein Hochdruckgebiet über Südosteuropa und Tiefs auf dem Atlantik liegen, sodass subtropische Warmluft aus dem Südwesten von Europa zu uns kommt. Im Sommer ist es diese Konstellation, die uns große Hitze bringt.

Müssen wir uns künftig an solche Temperaturen im Winter gewöhnen? Inwiefern hängt diese Wetterlage mit dem Klimawandel zusammen?

Um zunächst Missverständnisse auszuräumen: Klima ist nicht gleich Wetter. Das Klima beschreibt die Veränderung des Wetters über einen 30-jährigen Zeitraum, womit Veränderungen von Luftdruck, Niederschlag und beispielsweise der Temperatur einhergehen. Tatsächlich zeigt sich: Temperaturen wie an Neujahr werden uns häufiger einen Besuch abstatten. Durch die Erwärmung in der Arktis gibt es weniger Kaltluft im Winter und die subtropische Warmluft bringt uns Schneearmut und milde bis extrem milde Temperaturen. Dieses Szenario wird etwa ab 2050 erwartet, momentan befinden wir uns in einer Übergangsphase. Extreme Wetterlagen häufen sich - das ist keine Laune der Natur, sondern auf den Klimawandel zurückzuführen. Besonders im Winter kommt es häufig zu sogenannten Grenzwetterlagen, die arktische Kälte und subtropische Wärme trennen. Dieses Phänomen hatten wir an Weihnachten und zum neuen Jahr.

Mit dem Jahreswechsel rückt jetzt auch der 29. Januar näher, an dem sich das Hochwasser und die Überflutung der Büdinger Altstadt zum ersten Mal jährt. Damals war auch Ihr Elternhaus in der Altstadt betroffen - sicherlich können Sie das mulmige Gefühl nachvollziehen, das sich derzeit bei manchen ausbreiten dürfte, oder?

Definitiv. Als der Seemenbach am vergangenen Dienstag deutlich anstieg, breitete sich bei Freunden und Bekannten ein mulmiges Gefühl aus. Ich konnte beruhigen, aber es zeigt, wie sensibel man geworden ist. Jahrelang sprach man davon, was bei einem Bruch der Hainmauer passieren würde. Als es dazu kam, war ich gerade auf Heimatbesuch. Einige Tage zuvor machte ich einen Teil der Verantwortlichen der Stadt Büdingen auf die potenzielle Hochwasserlage aufmerksam. Allerdings ist es ein schmaler Grat zwischen zu viel warnen, denn dann stumpfen die Menschen ab, und zu wenig warnen. Wenn die Menschen etwas noch nicht erlebt haben, glauben viele nicht, dass es passieren kann.

2021 begann mit Frost, vor allem in den umliegenden Mittelgebirgen gab es viel Schnee. Das ist in diesem Jahr anders. Ist für die kommenden Wochen mit einem Umschwung der Wetterlage zu rechnen?

Im vergangenen Jahr hatten wir es mit einer sehr scharfen Grenzwetterlage zu tun. Während es in Schotten etwa drei Grad plus waren, lag der Höchstwert in der südlichen Wetterau bei rund 13 Grad - ein großer Temperaturunterschied auf engstem Raum. Durch die winterliche Kaltluft am südlichen Vogelsberg und die subtropische Luft in der südlichen Wetterau lag ein Regenband über der Region. Zu dem starken Regen am 28. und 29. Januar kam das Schmelzwasser, die sich daraus ergebende Abflussmenge muss schätzungsweise bei 70 bis 120 Litern pro Quadratmeter gelegen haben. Aktuell sieht es ruhiger beim Wetter aus. Über der Nordsee hat uns nun maritime polare Kaltluft erreicht. Damit bleibt es in den tieferen Lagen nasskalt und in den Mittelgebirgen winterlich mit nur sehr wenig Schnee. Wir können durchatmen und uns zurücklehnen, für den Januar ist ein Aufflammen der Grenzwetterlage überhaupt nicht in Sicht.

Wie wahrscheinlich ist es allgemein, dass sich das Szenario aus dem vergangenen Jahr wiederholt?

Es kann in jedem Jahr passieren. Grenzwetterlagen wie im vergangenen Winter werden vor allem durch die klimatische Veränderung häufiger, denn mit jedem Grad Erwärmung kann die Atmosphäre sieben Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Dadurch steigt die Gefahr von Starkregen enorm an. Zusammen mit Tauwetter sind vor allem die Flussoberläufe dann unberechenbar. Ein Extrembeispiel haben wir im Sommer 2021 bei unseren Nachbarn in Rheinland-Pfalz gesehen. Wir sollten uns nicht in Sicherheit wiegen.

Was ist die Konsequenz, die Sie daraus ziehen?

Mittlerweile bin ich von den Entscheidungsträgern auf Kommunal- und Landesebene enttäuscht. Nach wie vor stehen Beton-Legosteine an der kaputten Hainmauer im Schlosspark. Ich glaube, die Nachricht ist noch nicht bei allen angekommen: In Zukunft halte ich es für möglich, dass wir einen Pegel von 400 Zentimetern in Büdingen messen. 2021 waren es fast 370 Zentimeter. Auch Rückhaltebecken sind da keine Allheilmittel - Ich erinnere an das in Düdelsheim, das im vergangenen Jahr randvoll war. Vielleicht würde es Sinn machen, wenn sich alle zusammensetzen, etwaige Spannungen lösen und gemeinsam einen Weg finden, um den Hochwasserschutz der Stadt Büdingen zeitnah zu optimieren.

Alban Burster ist 25 Jahre alt, das Wetter interessiert ihn bereits seit dem Kindesalter - »Wetter ist mein Ding, seit ich denken kann«, wie er sagt. Nach dem Fachabitur und einem Jahrespraktikum ging es für den gebürtigen Büdinger nach München, wo er seit März 2019 bei dem Medienunternehmen Pro7/Sat1 als Meteorologe und Wettermoderator tätig ist. pgs

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Alban Burster schließt extremes Hochwasser wie das in der Büdinger Altstadt für die Zukunft nicht aus. © Björn Leo

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