+
Unermüdlicher Werber für das Buch als Lebensbegleiter: Manfred Meuser ist seit 50 Jahren in der Ortenberger Stadtbücherei aktiv.

Besonderes Jubiläum

Bücher als Lebenselixier: Manfred Meuser leitet seit 50 Jahren die Ortenberger Stadtbücherei

Der Ortenberger Manfred Meuser leitet seit 50 Jahren die Stadtbücherei. Kurios: Die war einst im Bürgerhauskeller gleich neben der Kegelbahn untergebracht.

An das erste Buch, das Manfred Meuser geschenkt bekam und gelesen hat, kann er sich genau erinnern. »Das war 1950 zu meiner Erstkommunion »Die zwölf Verstoßenen« von einer sehr gläubigen Tante.« Der Autor Franz Seinsche erzählte darin die Geschichte einer Wallfahrt nach Heiligkreuz. »Damals war ein Buch etwas ganz Besonderes. Das bekam kaum einer als Präsent.« Ob Geschichte oder Geschichten, gedruckt in schwarzen Lettern auf Papier - die Faszination des geschriebenen Wortes begleitet den heute 80-Jährigen seitdem. Nicht nur als Lektüre im heimischen Haus, sondern als ein Lebenselixier, für dessen Gebrauch er unermüdlich wirbt. Am 1. Dezember leitet Manfred Meuser - von 1970 bis 2003 Lehrer, Konrektor und Rektor der damaligen Volksschule - seit 50 Jahren die Stadtbücherei Ortenberg. Ehrenamtlich.

Es geht drei Stufen hinauf in das Altstadtgebäude in der Schlossstraße 3 gegenüber des historischen Stadtbrunnens. Jeden Besucher kündigt der charakteristische Ton einer Türglocke an. Zur Begrüßung rückt Manfred Meuser unter einer Leselampe seine Brille auf der Nase ein wenig nach unten. Zu seiner Rechten wie zu seiner Linken vor ihm auf dem überbordenden Schreibtisch: Stapel von Büchern. Hinter ihm Plakate und eine Urkunde »In Dank und Anerkennung für 25 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit.« Datiert auf den 1. Dezember 1996.

Um die 1500 Bücher habe es im Bestand der Stadtbücherei gegeben, als er seinen Dienst als Nachfolger von Helmut Müller - »das war mein Chef, als ich als Lehrer an die Volksschule kam« - antrat. Damals war die Stadtbücherei noch im Bürgerhaus »neben der Kegelbahn«. Mit der Altstadtsanierung sollte sie ihr neues Domizil an zentraler Stelle in der Schlossstraße bekommen, wo heute mehr als 3000 Bände ausgeliehen werden. Die aktuellsten Publikationen stehen in einem Drehständer, weitere in Dutzenden von Regalen, sortiert nach Themengebieten. So gibt es Sachbücher etwa zu Heimatkunde, Recht, Sprache, Technik und Handwerk, Bildbände und Biografien. Und jede Menge unterhaltsamen Lesestoff wie Romane, von Klassikern ebenso wie von zeitgenössischen Autoren. Besondere Empfehlungen befinden sich in den Buchreihen mit dem Hinweis auf lesenswerte Bestseller.

Manfred Meuser hat die Jahre erlebt, als die Bücher von Autoren wie Johannes Mario Simmel oder Konsalik die meistgelese Lektüre waren. Als die Nutzer nach Karl May fragten und, noch gar nicht so lange her: nach den Harry-Potter-Büchern. Beide sind heute »out«. Ihre Nachfolge unter den am meisten nachgefragten Büchern haben Krimis übernommen, aus deutscher Produktion etwa von Sebastian Fitzek oder Nele Neuhaus ebenso wie internationale Spannungsliteratur wie die von Henning Mankell, Jo Nesbo oder Simon Beckett.

Für Edelgard Knop sind Thriller nicht die Lektüre ihrer Wahl. Seit 17 nutzt die Ortenbergerin das Angebot der Stadt. »Ich freue mich sehr, dass es die Bücherei gibt. Meine Vorliebe sind historische Romane. Da werde ich immer fündig.« Edelgard Knop hat einen Leseausweis, in den Manfred Meuser jede ihrer Ausleihen einträgt, dazu den Stempel ins ausgeliehene Werk.

Viele Senioren, kaum Jugendliche

Etwa 40 Stammnutzer, sagt der Büchereileiter, kämen regelmäßig. Auch Eltern mit ihren Kindern, die mit diesen in einer kleinen Ecke für den Nachwuchs nach altersgerechtem Lesestoff stöberten. Allein: »die meisten Nutzer sind Seniorinnen und Senioren«. Dass Teenager und junge Erwachsene kaum den Weg in die Stadtbücherei finden, mag vor allem daran liegen, dass es dort weder CDs, DVDS noch Hörspielkassetten zum Ausleihen gibt. Auch keinen Computer für eine Recherche nach ihnen. Geht es um gedruckte Werke gibt es indes stets profunde Tipps von Manfred Meuser für die Lektüre. »Ich halte mich immer auf dem Laufenden, studiere die Bestsellerlisten«, merkt der Senior an. Und liest selbst unentwegt weiter, etwa die Biografie von Obama.

An andere Zeiten erinnert hinter dem Bücherei-Schreibtisch von Manfred Meuser noch ein Plakat von »Dr. Johannes Faust«, gespielt von der Ortenberger Lehrer-Eltern-Bühne zum Ergötzen und zur Erbauung, dargebracht im Fresche Keller«. Auch kamen ungezählte renommierte Autorinnen und Autoren zu Lesungen. Auf Einladung des Kulturkreis Altes Rathaus, dessen Vorsitzender Manfred Meuser von 1981 bis 2013, also eine prima Ergänzung. »Gabriele Wohmann war die erste, die damals zu uns kam. Das war eine Sensation.« Nur zwei weitere Namen: Walter Kempowski und Pavel Kohut.

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie hat Manfred Meuser jeweils mittwochs an Vormittagen acht bis zehn Jungen und Mädchen aus den drei Kindergärten der Stadt vorgelesen. »Das hat mir so gut getan.« Freude bereitet ihm weiter, wenn er von heute schon längst Erwachsenen angesprochen wird: »Sie sind doch der Herr Meuser, der uns immer vorgelesen hat.« Auch wenn es die Vorlesestunden vorerst - coronabedingt - nicht mehr gibt, in seinem Werben, Menschen für Bücher zu begeistern, Junge wie Ältere, lässt Manfred Meuser nicht nach.

Überraschungen vor Weihnachten

An Kinder ab drei Jahre in den Einrichtungen der Stadt wird er in der Vorweihnachtszeit Stoffbeutel verteilen mit dem Bilderbuch »Unsere Tiere« und der Broschüre »Vorlesen und Erzählen für Kinder ab drei Jahren« der Stiftung Lesen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Erwachsenen gibt er Lektüre-Tipps weiterhin jeden Montag von 17 bis 18 Uhr und jeden Donnerstag von 16 bis 17 Uhr. Die Ausleihe ist nach wie vor kostenlos.

Corinna Willführ

Das könnte Sie auch interessieren