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Heidi Klitsch (links) und Ulrike Taubner geben gerne ihre Leidenschaft für das Nähen weiter.

Nachhaltigkeit

Wie aus Alt in Altenstadt wieder Neu wird

Ob das Flicken einer geliebten Jacke oder die Reparatur einer Nähmaschine: Lösungen für diese Probleme bietet die »NähBar« in Altenstadt an. Die Initiative ging aus der »ReparierBar« hervor.

Das Team der »NähBar« in Altenstadt gibt nicht nur Tipps, wie sich Jeans weiter machen lassen oder Röcke enger, sondern zeigt auch, wie man Stoffreste mit viel Kreativität einer neuen Nutzung zuführen. Hervorgegangen ist diese Gruppe aus der »ReparierBar« in Altenstadt, die ehrenamtlich ihr Knowhow anbietet, um beispielsweise funktionsuntüchtige Elektrogeräte wieder instandzusetzen.

Heidi Klitsch hat einen Stoffbeutel vor sich mit quadratischen Seiten aus Jeansstoff und einem verstärkten Boden. »Der eignet sich sowohl zur Aufbewahrung diverser Dinge wie auch als dekorativer Übertopf für Pflanzen«, sagt sie. Die kleine Tasche nebenan, ebenfalls aus der Produktion der »NähBar«, besteht aus mit sicheren Nähten zusammengefügten einstigen Kaffee-Tüten. Ein ungewöhnlicher Hingucker für den Einkauf.

Ein Ballkleid für die Barbie-Puppe

Das Team der »NähBar«, zu dem auch eine professionelle Schneiderin gehört, offerierte sein Angebot erstmals im November 2018 in der evangelischen Pfarrscheune in Lindheim. Für sechs Stunden an einem Samstag. Die Nachfrage war groß. Heidi Klitsch: »Da kamen Mädchen im Alter von zehn, zwölf Jahren ebenso wie ältere Damen um die 70.« Da surrte die Maschine auch schon mal für das Ballkleid einer Barbie-Puppe.

Die Leidenschaft für Nadel und Faden hat der heute 67-Jährigen ihre Mutter vermittelt. Diese war Schneiderin. Gelernt hat die Tochter indes den Beruf der Technischen Zeichnerin, sie arbeitete viele Jahre in der Maschinenbaubranche. Was ihr dabei half: Linien und Kurven auf Papier schon als Kind kennengelernt zu haben, nämlich auf Schnittmusterbögen. Längst schon selbst versiert in Entwürfen für Kleider, Hosen oder Röcke sei sie aber damals »zum Zuschneiden weiterhin zu meiner Mutter gegangen«.

»Ein Schnittmusterbogen, der kann schon mal so aussehen wie der Plan der U-Bahn-Linien von New York«, ergänzt Ulrike Taugner. Eben verwirrend. Die gelernte Bankkauffrau hat ihr Faible fürs Schneidern während ihrer Zeit in den USA entdeckt - und sich auf Patchwork spezialisiert. »Damit kann man traumhafte Sachen machen«, sagt sie. Ihr persönliches Meisterstück - dazu breitet sie die Arme aus, um dessen Größe zu zeigen - sei der »Stern von Bethlehem«. Stunden, tags wie nachts, hat Ulrike Taugner an diesem Werk aus Hunderten von Stoffstücken gearbeitet. »Niemals, nein, niemals«, sagt sie, »würde ich das verkaufen.«

Seine Produkte auszustellen könnte sich das »NähBar«-Team allerdings gut vorstellen. Nicht allein, um die eigenen Fertigkeiten zu demonstrieren, sondern um Menschen zu ermuntern, »aus Altem selbst Neues zu fertigen«. Und außerdem: Handverarbeitete und gute Stoffe wieder wertzuschätzen. Schließlich gebe es davon zu bezahlbaren Preisen immer weniger, berichten die Frauen.

Wohl wissen die Fachfrauen, dass es nicht einfach ist, diese »wieder auf Vordermann zu bringen«. Denn dazu bedarf es nicht nur Geschick und Geduld, sondern auch einer entsprechenden Nähmaschine. Dicke Jeansstoffe zu reparieren, gar Lederteile zu erneuern: »das schaffen die Maschinen, die oft günstig angeboten werden, nicht«. Besser sei es, darin sind sich Klitsch und Taugner einig, »man kauft sie im Fachhandel, wo man auch Beratung bekommt«. Auch dazu gibt es in der »NähBar« hilfreiche Tipps.

Der kulturelle Aspekt des Nähens

2016 hat Heidi Klitsch an einem Wettbewerb zum 20-jährigen Bestehen der Fachpublikation »Patchwork Magazin« teilgenommen. Ausgangspunkt für alle Arbeiten war, ein kleines Stoffteil aus der Produktion einer Stickinitiative aus Afghanistan einzuarbeiten. Zu sehen waren die Arbeiten damals in einer Ausstellung in Karlsruhe, die auf den verbindenden kulturellen Aspekt des Nähens aufmerksam machte.

Angedacht haben die Altenstädter Frauen auch, einmal ein »NähBar«-Treffen den sogenannten Nestelarbeiten zu widmen. Namensgeberin für diese ist nicht der Nesselstoff, sondern das »Nesteln«, eine Betätigung zur Beruhigung der Hände, die bei Demenzkranken als hilfreich gilt.

Heidi Klitsch legt die bereits zugeschnittene Figur eines Tannenbaums aus einem Stoffrest unter das Füßchen der Nähmaschine. Sie muss noch gesäumt werden. Auch wenn derzeit die »NähBar« nicht zu neuen Begegnungen in Sachen Zuschneiden, Säumen, Sticken einladen kann: Das nächste Treffen avisiert das Team für den zweiten Samstag im Januar von 10 bis 16 Uhr. Bis dahin müsste die Gruppe noch einen geeigneten, Raum finden, circa 30 Quadratmeter groß, kostenlos. So wie es auch das Angebot der Ehrenamtlichen ist.

Der Beitrag von Heidi Klitsch zum 20-jährigen Bestehen eines Patchwork-Magazins.

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