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Streifen im Dialog zahlreiche gesellschaftliche Themen (v. l.): Christa Nickels, Parlamentarische Staatssekretärin a. D. (Bündnis 90/Die Grünen), Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, und Moderator Alexander Kähler (Phoenix TV).

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Engelthaler Gespräch: Passen Kirche und Glaube in die heutige Zeit?

Kirche und Glaube müssen in die heutige Zeit passen. Dass dies nicht immer so ist, zeigen die vielen Kirchenaustritte. Lebhaft verlief das Engelthaler Gespräch, an dem Bischof Peter Kohlgraf teilnahm.

Man muss aufbrechen, um zu bleiben, sich ändern, um treu zu sein. Mit diesen Worten zitierte Äbtissin Elisabeth Kralemann Papst Franziskus und eröffnete damit das siebte Engelthaler Gespräch in der Abteikirche des Benediktinerklosters. Im lebhaften und teilweise kontroversen Dialog zwischen der Parlamentarischen Staatssekretärin a. D. Christa Nickels (Bündnis 90/Die Grünen) und Prof. Dr. Peter Kohlgraf, Bischof des Bistums Mainz, kamen unter dem Motto »Zeit der Umbrüche und Aufbrüche - Krise und Chance für Kirche und Gesellschaft« zahlreiche Themen zur Sprache.

Auf der Suche nach den Gründen

Angeregt durch Moderator Alexander Kähler von Phoenix TV, der die Zahl von 360 000 Austritten aus der katholischen Kirche allein im Jahr 2021 ins Spiel brachte, ging man im Gespräch auf die Suche nach Gründen und streifte dabei das Thema Missbrauchsskandale und ihre Aufarbeitung, die Frage der Rolle der Frau und ihres Priestertums, den Pflichtzölibat und den laufenden synodalen Prozess. Das etwa eineinhalbstündige Gespräch stand erkennbar auch unter dem Eindruck der Pandemie, der Klimakrise, des Krieges in der Ukraine und die dadurch ausgelöste Fluchtbewegung als aktuelle gesellschaftliche Großaufgaben.

Übereinstimmend stellten Christa Nickels und Peter Kohlgraf fest, dass es inzwischen Menschen aus der Mitte und der Herzkammer der katholischen Kirche seien, die austreten. Sie täten dies nicht aus Gleichgültigkeit oder um Kirchensteuer zu sparen, sondern aus tiefer Enttäuschung und schmerzlicher Resignation über den Umgang eines trägen, in seinen Machtstrukturen verkrusteten Apparates vor allem mit den Missbrauchsopfern, der drängenden Frauenfrage und den Fragen der Zeit, deren spezifisch christliche Lösungsansätze nicht mehr verstanden würden. »Wir können nicht mehr sagen: Wir sind die Großen und Guten, und wer uns verlässt, begeht einen Fehler. Wir müssen uns der Frage nach dem Warum stellen«, sagte Bischof Kohlgraf, der sich selbst mehrfach als Lernenden und Teil des aktuell in der katholischen Kirche laufenden synodalen Prozesses bezeichnete. Von diesem wiederum erhoffe er sich, dass er auch weltkirchliche Signale setzen werde und von Rom nicht ignoriert werden könne. Offen zeigte sich Kohlgraf in der Frage des Pflichtzölibates und neuer priesterlicher Lebensformen, die vor Vereinsamung und Isolation schützen müssten.

Eher zurückhaltend äußerte er sich in der Frage der Frauenweihe, die Papst Johannes Paul II. 1994 noch einmal kategorisch ausgeschlossen habe. Auf diesem Gebiet arbeite der synodale Prozess an theologisch gut begründeten Argumenten, die »eine Weitung der Sichtweise« ermöglichen sollten, so Kohlgraf.

Christa Nickels, lange Zeit Teil des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, brachte ihre persönliche und gremiengeprägte Erfahrung als Christin und Frau in einer Kirche ein, die sie in den 60er bis 90er Jahren im hoffnungsvollen Aufbruch erlebt habe. »Ich bin jetzt knapp 70 Jahre alt und erinnere mich sehr gut an die ›Verheutlichung‹ der Kirche, die sich bereits das Zweite Vatikanische Konzil auf die Fahnen geschrieben hatte, an die Würzburger Synode, die Ökumene, die Bewegung ›Wir sind Kirche‹ - das gab es doch alles bereits«, sagte Nickels. »Es ärgert mich, dass dies alles vergessen scheint. Wenn die für die Kirchenleitung Zuständigen nicht in der Lage sind, Kirche und Glauben die Gestalt der heutigen Zeit zu geben und zu ermöglichen, dann haben diejenigen recht, die der Kirche den Rücken kehren.«

Übereinstimmend stellten beide Gesprächspartner fest, dass die Gestaltung einer friedlichen und sozial gerechten Welt zu den Kardinalaufgaben der Kirche gehöre. Direkt daran anschließend gehörte den Frauen, auch aus der im Publikum vertretenen Arbeitsgemeinschaft Katholischer Frauen in Deutschland, das Schlusswort: »An der Frage der Würde der Frau, ihren Rechten und ihrem gesellschaftlichen Einfluss wird sich nicht nur das Schicksal der Kirche, sondern das der Menschheit entscheiden«, stellte eine Teilnehmerin im Kloster Engelthal fest.

Geistliche Musik auf der Orgel

Es folgten Grußworte von Prof. Dr. Andreas van der Broeck, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Engelthal, sowie von Landrat Jan Weckler, der als Schirmherr der Veranstaltung spontan der Stiftung Abtei Kloster Engelthal beigetreten war. Der Abend wurde musikalisch umrahmt von Andreas Köhs, Kantor und Organist der evangelisch-lutherischen Dreikönigsgemeinde Frankfurt, der zu Beginn festlich »Komm, Schöpfer Geist« und zum Abschluss »Wer nur den lieben Gott lässt walten« intonierte.

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