Dominik Kleer und Vater Reiner haben elfte Auflage der Tuareg-Rallye in Marokko im Visier
Andreas Wagner. Riesen-Schnorchel, Signalraketen, Sandbleche und Überrollbügel assoziiert Dominik Kleer mit den Tuareg, einem zu den Berbern zählenden Volk in Afrika, bekommt leuchtende Augen und zeigt auf sein pechschwarzes, stollenbereiftes Gefährt, das ihn und seinen Vater und Co-Piloten Reiner runde 2500 Kilometer durch den Norden des schwarzen Kontinents tragen soll: Das Kleer-Duo aus dem Niddaer Stadtdteil Wallernhausen nimmt nämlich die elfte Auflage der Tuareg-Rallye in Angriff.
Mitten drin und bald dabei sind die Erwartungsfrohen, denn im März nächsten Jahres fällt im marokkanischen Nador der Startschuss.
"Ich bin noch nie eine Rallye gefahren", gesteht Domink Kleer mit entwaffnender Ehrlichkeit. Der 35-Jährige hat zwar schon immer ein Faible für die Hatz über Stock und Stein, doch holte er sich seinen holprigen Geschwindigkeitsrausch in früheren Jahren immer auf den kleinrädrigen BMX-Rädern und auf den unverwüstlichen Mountainbikes, mit denen er sich wagemutig die Vogelsberg-Abhänge als Downhill-Spezialist hinabstürzte. "Um die Fahrräder auf die Berge zu transportieren, habe ich mir einen Pickup zugelegt und damit fing der Spaß an geländegängigen Autos an", schmunzelt Kleer und erklärt, dass ein Pickup ein praktischer Zweisitzer mit Ladefläche ist. Und schon war´s passiert. Das Strampeln mit dem Drahtesel geriet mehr und mehr zur Nebensache und der Wunschtraum, einmal an der berühmt-berüchtige Rallye Paris-Dakar teilzunehmen, wurde immer präsenter. Doch die "Mutter aller Rallyes" ist und bleibt aus finanziellen Gründen ein unerfüllter Traum.
"Dass ich nicht siege, ist mir klar. Aber im Ziel ankommen ist sicherlich drin."
Dominik Kleer, Wüsten-Rallye-KandidatSeit vier Jahren spukt also die Tuareg-Version in Kleers Gedankengängen. Nach der Geburt seines Sohnes Julian Shiva vor 20 Monaten schien auch dieses Projekt ins Nirwana zu entschwinden. "Jetzt ist es eh vorbei mit der Rallye, habe ich als Familienvater gedacht." Als aber bei Ehefrau Sandra so langsam die Erkenntnis gewachsen sei, dass an Domik Kleers Wüstenrallye-Berufung nichts vorbeigehe, sei die Sache perfekt gewesen. Als Beifahrer, Wegbegleiter und Berater in Personalunion war Bruder Benjamin vorgesehen. Der frisch verheiratete 32-Jährige sagte allerdings aus familiären Gründen ab; zur Überraschend aller sprang Vater Reiner in die Bresche und baute eine große Erwartungshaltung auf, die in einer spontanen Erkundungstour mit Flug zum Ort des Geschehens mündete.
Dominik und sein 59-jähriger Herr Papa schnupperten vor sieben Monaten Tuareg-Rallye-Luft und begleiteten im geländegängigen Mietwagen den Tross auf der wesentlich weniger beschwerlichen Service-Strecke, die parallel zum scharfen Kurs läuft. "300 Motorräder und 35 Autos waren am Start. Das Rundherum und Touristische hat micht nicht so interresiert. Mich hat das Fahrerlager fasziniert", schwärmt er. Und genau dieses Tuareg-Nomanden-Leben im Zelt - von der Wüste bis hinauf ins Atlas-Gebirge - werden die beiden Kleers in Bälde absolvieren müssen; oder wie es in der Rallye-Sprache heißt: genießen. Vater Reiner sei da eher skeptischer und müsse sich erst mit der neuen Kultur vertraut machen.
"Dass ich nicht siege, ist mir klar. Aber im Ziel ankommen ist sicherlich drin", ist Dominik Kleer zuversichtlich. Der Logistik-Leiter des Palettenzentrums in Nidda-Harb bescheinigt vor allen Dingen seinem fünf Jahrte alten Jeep Cherokee mit vier Litern Hubraum Wüstentauglichkeit. Der lange Schnorchel für sandfreie Ansaugluft ist angepasst, das Fahrwerk höher gelegt, die Fahrgastzelle verstärkt, die Sandbleche am Unterboden montiert und die Motorleistung bis auf knapp 210 Pferdestärken gesteigert worden. Mit geschärftem Orientierungssinn soll navigiert werden. Kartenmaterial ist tabu. Verlassen wird sich auf Satellitennavigationspunkte, die alle Teilnehmer an die Pflicht-Kontrolstellen führen sollen. "Mein Vater absolviert in der Lüneburger Heide sogar einen Lehrgang zum Navigator im Rahmen einer Roadbook-Tour."
Mitte März 2010 kommt die finale hektische Betriebsamkeit auf. Das Vehikel wird samt umfanreichem Equipment auf den Anhänger gepackt und ab geht´s über die iberische Halbinsel und dann per Fähre an die afrikanische Küste. Spätestens am 22. März ist es amtlich, ob das Kleer-Gespann die 2500 Kilometer-Strapaze mit Sahara-Intermezzo überstanden hat und im spanischen Zielort nahe Almeria die Sektkorken knallen lassen kann.
Der gebürtige Bleichenbacher pflegt den Olympischen Gedanken, doch das Dabeisein ist nicht immer alles; die schwarz-weiß-karierte Zielflagge am Steuer des Jeeps zu sehen wäre das Größte.