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Ranstadt  

"Ein feines Gespür für die Nöte der Menschen"

09.02.2010 - RANSTADT

(anm). Selten wohl war die Kirche der katholischen St. Anna-Gemeinde von Ranstadt derart gefüllt wie am Sonntagmittag. Die Besucher drängten sich dicht in den Bänken, in der kleinen Kapelle nebenan und im Vorraum. Stühle wurden herangebracht, um wenigstens noch einer Handvoll Menschen einen Sitzplatz zu bieten.

Anlass für den Andrang, für die Festlichkeit: Pfarrer Albert Schechter ging in den Ruhestand. Dass ihn die Gemeinde jetzt beim Auszug aus der Kirche mit herzlichem Applaus verabschiedete, war vor 18 Jahren, als er in St. Anna seinen Dienst antrat, nicht ausgemacht. "Vielleicht hatten sie damals, nach nur wenigen Monaten, schon wieder den Drang, ihre Koffer zu packen", so Hermann Schwarzer in seiner Rede für den Pfarrgemeinde- und den Verwaltungsrat. "1991 ging das Gerücht um: Der neue Pfarrer soll eigentlich evangelisch und verheiratet sein und auch noch Kinder haben", erinnerte Schwarzer. "Das war sicherlich eine schwere Zeit für Sie bis Sie voll akzeptiert wurden." Er dankte für die Arbeit von Albert Schechter und dessen Frau Charlott, die sich besonders in der Seniorenarbeit engagiert habe. "Durch ihr Wirken", lobte er, "ist Ranstadt ohne Ökumene nicht mehr denkbar."

Wie beliebt das Ehepaar Schechter in der Großgemeinde ist, bewies nicht nur der Andrang bei der Eucharistiefeier, sondern gleichfalls dem sich anschließenden Empfang im Bürgerhaus wo neben zahlreichen musikalischen Beiträgen verschiedene Redner das Wirken würdigten. So erwähnte etwa Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel den "Mut der Familie Schechter" bei der spontanen NPD-Demonstration im Sommer die Glocken läuten zu lassen. Außerdem hob sie Schechters Bemühen um den ökumenischen Gedanken hervor, welchen er im Leben der Großgemeinde verankert habe.

In Anwesenheit von Weihbischof Dr. Werner Guballa, Dekan Rupert Rützel und anderer Pfarrer streifte Albert Schechter in seiner Predigt einige der ihn prägenden Stationen seines Lebens. Aufgewachsen in einem Pfarrershaus habe er in seiner glücklichen Jugend die Spannungen gespürt, die er später selbst erlebte: "Die Spannung zwischen Familie und Beruf, die beide ganz gelebt werden wollen." Dank sprach er in diesem Zusammenhang seiner Frau und seinen drei Kindern aus, die "dies alles mit getragen habe".

Im Rahmen einer Beschäftigung mit einer kirchlichen Studentengruppe in Freiburg, habe er zum ersten Mal einen katholischen Gottesdienst besucht, der ihn derart berührte und inspirierte, dass er noch einmal ein Studium aufnahm: katholische Theologie unter Karl Lehmann. "Da kam in mir und meiner Frau der Gedanke auf, dass wir uns in der katholischen Tradition wohler fühlen. Auch war es mein Wunsch, an jedem Sonntag das Abendmahl feiern zu können."

Nach Gesprächen mit Karl Lehmann erhielt er als Konvertit von der Diözese Mainz zunächst die Befugnis als Religionslehrer, schließlich nach der Weihe als Priester auch als solcher arbeiten zu dürfen. Wichtig für ihn: "Damit war meine evangelische Zeit nicht ausgelöscht. Ich bin nur einen ungewöhnlichen Weg weitergegangen." So schließe sich der Kreis zum vorab vorgetragenen Evangelium, bei welchem Jesus seinen Jüngern zuruft: "Fahrt noch einmal hinaus". Hinaus auf den See Genezareth, um zu ungewöhnlicher Zeit Fische zu fangen. "Die Kirche war nie starr", sagte Schechter. "Und der Christenheit darf es nie passieren, dass sie sagt: Das war doch schon immer so." Der Gemeinde in Ranstadt, Stockheim und Ortenberg, seinem Nachfolger Markus Warsberg, dem er schon lange verbunden sei, rufe er eben dies zu: "Fahrt noch einmal hinaus".

Weihbischoff Dr. Werner Guballa überreichte Albert Schechter (rechts) das Ruhestandsdekret. Bild: MatléVergrößern

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