Schulamt verfügt die Schließung der Freien Schule
07.09.2010 - SELTERS
Von Oliver Potengowski
Als Eltern die Freie Schule Wetterau vor mehr als fünf Jahren gründeten, wollten sie eine Alternative zum konventionellen Schulsystem schaffen. Ein ganzheitliches Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ und die Möglichkeit für die Kinder, mit weniger Druck, dafür nach individuellen Interessen zu lernen, sollte glücklichere und im Ergebnis lernwilligere Schüler hervorbringen. Doch nach knapp vier Jahren Lehrbetrieb steht die Schule jetzt offenbar vor dem Aus. Mindestens einer Lernbegleiterin, wie die Lehrerinnen in der Freien Schule heißen, wurde die Unterrichtserlaubnis durch das Staatliche Schulamt entzogen.
Das Schulamt verfügte wegen gravierender Mängel die Schließung der Freien Schule. Derzeit läuft beim Verwaltungsgericht Gießen noch ein Widerspruchsverfahren gegen die Verfügung. Doch selbst wenn der Widerspruch Erfolg hat, scheint es für die Schule eng zu werden. Nur noch neun Kinder besuchen derzeit die Einrichtung. Um die Kosten zu decken, wären nach dem Finanzplan mindestens 14 zahlende Schüler erforderlich. In einer außerordentlichen Versammlung (über die dem Kreis-Anzeiger ein Protokoll vorliegt) wurde den Mitgliedern mitgeteilt, dass derzeit monatlich ein Defizit von 3 000 Euro entsteht. Dazu kommt als Belastung ein Darlehen von etwa 45 000 Euro aus der Gründungszeit. Von dieser Summe wurden bislang etwa 10 000 Euro getilgt.
Der Hauptgrund für die sich stetig verschlimmernde finanzielle Schieflage der Freien Schule liegt anscheinend darin, dass es nicht gelang, eine ausreichende Zahl von Eltern davon zu überzeugen, dass das Konzept der Schule in der Praxis umgesetzt wird. Deshalb haben die meisten Eltern, die in den vergangenen Jahren Mitglieder des Trägervereins wurden und ihre Kinder in Selters unterrichten ließen, der Schule - teilweise fluchtartig - den Rücken gekehrt.
Dabei liest sich das Konzept der Freien Schule interessant. Die Kinder sollen selbstbestimmt lernen. Das Wissen sollen sie nicht nur aus Büchern, sondern auch in handwerklichem Arbeiten oder in der Natur erwerben. Dass die Schule auf einem ehemaligen Sportplatz in einem Naturschutzgebiet liegt, ermöglicht diesen besonderen Stellenwert der Ökologie.
Besonders wichtig sind an der Freien Schule die Projekte. Zu einem selbst gewählten Thema tragen die Schüler selbstständig Informationen zusammen. Die Ergebnisse werden den Mitschülern später in einer Präsentation vermittelt. Die Ergebnisse solcher Projekte, die auch bei Veranstaltungen der Schule den Besuchern gezeigt werden, können durchaus beeindrucken. Allerdings fallen in diesen Präsentationen auch immer wieder zahlreiche Rechtschreibfehler auf.
Neben der Wissensvermittlung betont die Freie Schule auch die Persönlichkeitsentwicklung. Neben der Selbstständigkeit sollen die Kinder auch ein besseres Sozialverhalten als in der Regelschule erlernen. „Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg“ wird als Regel für den Umgang miteinander gefordert. Gelegentlich wird das durch den Vergleich einer friedlichen Giraffen- mit einer aggressiven Wolfssprache verdeutlicht.