(per). "Wann gibt es schon Gelegenheit, die alte Musik von früher zu hören. Es war ´ne kurze schöne Zeit in unserer Jugend", schwelgt Conny Bergmann aus Ranstadt in Erinnerungen, wenn sie an "Marillion" denkt.
Ex-DJ Frank Schwing (47) aus Büdingen, der früher im kultigen Drahtesel den Plattenteller bediente, haben es die alten Marillion-Songs angetan. "Vor allem die Songs mit `Fish´ waren genial! Ich war in den 80ern bei einem Marillion-Konzert in der Frankfurter Eissporthalle", reflektiert er. "Da haben die irgendwie vergessen, das Eis auszuschalten. Es war saukalt."
Mit hohen Erwartungen und nostalgischer Stimmung war eine eingeschworene Marillion-Fangemeinde in den Niddaer Lokschuppen gekommen, um die Musik ihrer Jugend zu genießen - und das möglichst nah am Original. Von "Seasons End" wurden sie nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Das wurde schon nach wenigen Takten klar.
Der große Moment des Intros, die ersten Töne von "The King of Sunset Town", gehörten ganz allein Robert Karasek und seinem Instrument. Der junge Keyboarder bestritt in Nidda souverän seinen ersten Auftritt mit der Band aus dem Darmstädter Raum - und das nach nur zwei gemeinsamen Proben. Erst seit Dezember hat er sich ganz und gar dem "Progressive Rock" verschrieben, genauer gesagt dem "Neo-Prog", einer Neuauflage der Musikrichtung, die in den 70ern vor allem von Bands wie "Genesis" oder "Yes" geprägt wurde. In den 80er Jahren gab die britische Band "Marillion" dem Musikgenre ein eigenes Gesicht und genießt bis heute Kultstatus.
Klar, dass Sänger Andreas Rademacher dem schüchtern wirkenden Karasek beim Betreten der Bühne die Show stahl. Mit Pappkrone und im langen dunklen Mantel, das Gesicht im Harlekin-Stil, nur zur Hälfte geschminkt, gehörte ihm vom ersten Moment an die volle Aufmerksamkeit seines Publikums, das er mühelos aus der ersten "Sicherheitsdistanz" direkt vor die Bühne lockte.
"Seasons End" ist der Name des ersten Albums, das Marillion 1989 mit dem neuen Sänger Steve Hoghart produzierte. "Fish" hatte daran noch mitgewirkt, bevor er seine Solokarriere startete. Auf der Setliste der Musiker fanden sich Songs aus beiden Äras, was Sänger Rademacher auf einem Schild an seinem Mikroständer mit "Hogi-County" oder "Fish-Town" ankündigte, je nachdem in welche Sängerrolle er gerade schlüpfte. Doch eine Orientierung brauchte kaum jemand von den fachkundigen Zuhörern, die auch bei nicht selten siebenminütigen Songs gebannt lauschten und auch dann nicht verfrüht klatschten, wenn der Unwissende meinte, das Ende eines Songs erkannt zu haben, obwohl es sich nur um eine zweite oder dritte Bridge in dem gleichen Song handelte. Den düsteren, melancholischen, oft zornigen und immer gefühlsintensiven Songs seiner Vorbilder hauchte Andreas Rademacher mit kraftvollem, nuanciertem Gesang Leben ein, wechselte sensibel zwischen zartem Säuseln und zornigem Aufbrausen, wie in "Fugazi", das die Band geschickt mit "Grendel" aus dem ersten Marillion-Album "Script for a Jester´s Tear" kombinierte, und ließ dabei auch einige Male die großen Gesten des exzentrischen "Fish" erkennen. Zwischendurch verteilte er im Publikum munter plaudernd "Sugar-Mice", die süßen weißen Mäuse aus dem gleichnamigen Song, die reißenden Absatz fanden.
Lange Gitarrensoli, komplizierte Abläufe und rhythmische Herausforderungen, wie in "Easter" meisterten "Seasons End" mühelos. Gitarrist Stephan Güte erhielt mehrmals verdienten Jubel für sein virtuoses Spiel. Auch wenn die meist getragenen Songs eigentlich kaum Gelegenheit bieten, hob vor allem Bassist Christian Peter mit fast jeder angeschlagenen Basssaite ein Stück vom Bühnenboden ab und strahlte unglaubliche Spielfreude aus, wie auch der Rest seiner Band, die sich in ihrer Urbesetzung 1995 gegründet hat. Schlagzeuger Sven Schmidt funktionierte wie ein Uhrwerk und ließ sich seine "Knieentzündung" nicht anmerken. Toller Sound und perfektes Licht rundeten den Gig der fünf Musiker ab und natürlich waren es vor allem die Superhits "Lavender" und "Kayleigh", die jeder im Publikum mitsang. Und so lagen sich gegen Ende die Fanclubmitglieder Matthias Müller (40) und sein weit angereister Sinnesgenosse Andreas Meine (38) aus Niederzier im Rheinland selig in den Armen.
Auch für die 40-jährige Sandra Hölzer aus Wächtersbach und ihre Schwester Bettina Möbs aus Gedern hatte sich die Anreise gelohnt. Die Wächtersbacherin war bei einem WKW-Forum auf das Konzert aufmerksam geworden, die Schwester hatte für beide die Karten bei der Kreis-Anzeiger-Verlosung ergattert.
"Ich bin zum ersten Mal im Lokschuppen und mehr als überrascht", lobte Black-Inn-DJ Jörg Jakob (36) zunächst die Location und dann die geniale Band des Abends, um dann nachzusetzen: "Der Laden nennt sich Kulturbahnhof. Kultur spiegelt sich in Musik wider und die Aussage des Progressive Rock ist einfach ein Stück Kultur. Jetzt bin ich gleichsam gespannt auf Genesis und Pink Flloyd". Das darf er auch sein, denn die nächste geniale Tribute-Show im Lokschuppen kommt bestimmt.
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