Marco Tschirpke und Sebastian Krämer präsentieren im Parksaal Bad Salzhausen musikalisches Ping-Pong
(mü). "Ich´n Lied - Du´n Lied" - aus einem schlichten Ping-Pong-Spiel machten die vielfach mit Kabarett-Preisen dekorierten Ausnahme-Musiker und -Comedians Marco Tschirpke und Sebastian Krämer einen Abend voller fragiler, intelligenter, manchmal bissiger, manchmal zart-bitterer Sprach- und Tastenspiele, die das Publikum im Parksaal über zweieinhalb Stunden in Atem hielten.
Willkommen geheißen von Kulturmanagerin Heidelore Ocken-Wilisch, machte sich das Duo, das sich sowohl einzeln als auch im Doppelpack gegen jede Kleinkunst-Schublade sperrt, sogleich über Mikrofon und Flügel her. Eingespielt und improvisierend, im engen Dialog mit dem Publikum und miteinander, kontrastreich und dennoch einander ergänzend geht es Tschirpke und Krämer weniger um die große Politik als vielmehr um Liebe, Lust und Leid en detail, um winzige witzige Nichtigkeiten des Alltags, um Skurriles, Verdrehtes, bisher Unentdecktes - und um einen ungeheuren Spaß am subtilen Umgang mit der Sprache.
Marco Tschirpke wirkt auf der Bühne, oberflächlich gesehen, fast verloren, scheint sich selbst, seine Texte und seine virtuosen Klavierpassagen quasi aus dem Augenblick heraus zu erfinden, ständig vor dem Abbruch und dem Abgang. Seine chansonartigen Reminiszenzen an den 1955 aus dem Westen in die DDR eingewanderten unbequemen Lyriker Peter Hacks sind kurz und haiku-artig, die Sätze bleiben im Raum hängen, kaum hörbar und überraschend vollendet, das Lachen des Publikums kommt manchmal herzlich, manchmal bleibt es auch im Halse stecken. Sebastian Krämer dagegen badet sich und seine Zuhörer in opulenten, manchmal schier klassisch-romantischen Tastenläufen, von der Ballade bis zu dem eher unbekannten "alten deutschen Volkslied `Es stund ein Reh`", vom furiosen, bitterbösen Abgesang an die Deutschlehrer bis zum nächtlichen Spukerlebnis unter dem Motto "Hast du mal Don-Kosaken schnarchen gehört?". Derweil berichtet Tschirpke "Von einer, die sich auszog, mich das Fürchten zu lehren" und vom Hof, der nach der Bearbeitung mit dem Besen, "noch ganz in sich gekehrt" ist. Selbst der Tee und die Wolke, die gemeinsam ziehen, der Kaktus und die Kaktussy, Marie Antoinettes letzte Sekunden auf dem Schafott, der laute Ruf des Kabeljau und das kleine rote Standby-Licht im Hotel und auf der Intensivstation sind es wert, Kunstwerke in Ton und Sprache drum herum zu arrangieren. Blickwinkel verschieben sich, Überraschung ist wichtiger als Wiedererkennen, Erwartung wichtiger als Erfüllung. Dazwischen wandert ein russisches Kätzlein unter brachialem Pianodonner in den Aktenvernichter, begibt sich Papa auf die Suche nach Mama, die dank eines misslungenen Liftings unkenntlich geworden ist (ebenso wie Rapunzel, die sich überraschend für einen wenig kleidsamen Kurzhaarschnitt entschieden hat) und entführt der grimmige Zackebu den nimmermüden Steuerberater durch die Wand ins Niemandsland.
Ob im Duett oder solo - Tschirpke und Krämer ließen keine Sekunde Langeweile aufkommen und beendeten ihren geistreichen Parforceritt durch das Wunderland des Alltäglichen mit immer schnelleren Wortwechseln sowie einigen Extra-Sahnehäubchen, denn "Wir haben nichts gegen Zugaben - jedenfalls nichts Wirksames". Die Pause kam ebenso unerwartet wie der letzte Akkord, sie gingen, als es am schönsten und spannendsten war - Nachschlag dringend erwünscht.