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Friedberg 

"Lieben und leiden lassen - das ist doch ganz nett"

08.05.2010 - FRIEDBERG

Nele Neuhaus beendete die Saison "Friedberg lässt lesen"

(KA). Zwischen 60 000 und 80 000 Bücher erscheinen jährlich auf dem deutschen Markt. Die Zahl jener Manuskripte, welche die Verlage in diesem Zeitraum unaufgefordert erhalten, dürfte um einiges höher liegen. Die Chancen für Neueinsteiger: Nahe null. Ähnlich wie beim Lotto. Dennoch zieht jede Woche ein Glücksspieler die Million an Land - und unter den Newcomern der Schriftstellerei stößt eine Ausnahme immer wieder in der Bestsellerliste nach oben. So wie Krimi-Autorin Nele Neuhaus, die jetzt den Abschluss der Saison 2009/2010 der Reihe "Friedberg lässt lesen" bildete. Das Bibliothekszentrum Alter Klosterbau war mit gut 150 Besuchern ausverkauft.

"Mein Weg zur Schriftstellerei war nicht gewöhnlich", schickte sie ihrem Vortrag vorweg, den sie geschickt mit Passagen aus ihrem Buch "Tiefe Wunden" und Schilderungen über ihr Schreiben spickte. Geschichten geschrieben habe sie eigentlich schon immer, die Schule habe sie gelangweilt, weil sie schon früh lesen konnte und Mathe nicht. "Ich war froh, als die 13 Jahre herum waren", spottete sie. Während ihre Klassenkameraden fleißig Bewerbungen losschickten oder sich in die Universität einschrieben, dachte sie sich: "Cool, ich werde eben Schriftstellerin." Zum Schrecken ihrer Eltern: "Die sahen mich mit 50 im Keller sitzen und noch immer erfolglos auf einer Schreibmaschine herumhämmern."

Das Schreiben trat zunächst ein wenig in den Hintergrund, weil sie ihren Mann kennen lernte und in dessen Fleischfabrik mitarbeitete. Schließlich hatte sie eine 1000 Seiten dicke Schwarte geschrieben, verschickte diese an alle möglichen Verlage und erhielt - nur Absagen. "Das war 2001, mein Roman spielte in New York, und da war ein solches Thema nach den Anschlägen nicht unbedingt angesagt bei den Verlagen." Allein schon, um es ihrem Mann zu beweisen ("Er ist ein Nichtleser"), gab sie nicht auf, brachte ihr Werk im Eigenverlag heraus, vermarktete es selbst mit respektablen Verkaufszahlen. Nach dem nächsten Roman "Mordsfreunde" wurde der Ullstein-Verlag auf Nele Neuhaus aufmerksam und bot ihr die Zusammenarbeit an. "Diese Chance erhält man als Neuling selten. Normalerweise ist es ja so, dass der Autor auf der Suche nach einem Verlag ist." Seitdem ist sie also Ullstein-Autorin.

Die Berliner erkannten das Potenzial, das gerade in jüngster Zeit in regionalen Kriminalgeschichten steckt. Nach Frankfurt, der Eifel, Kiel und dem Allgäu nun also Kelkheim im Vordertaunus, dort wo die 1967 geborene Neuhaus lebt. "Von Anfang an wollte ich nicht unbedingt Krimis schreiben. Aber ich spürte, welche Möglichkeiten man mit diesem Genre hat." Überhaupt sei das fantastisch "ein wenig lieber Gott" zu spielen. "Die selbst ausgedachten Personen lieben und leiden zu lassen - das ist doch ganz nett."

Was ihre Ermittler von Polizisten anderer Autoren unterscheidet: "Das sind ganz normale Menschen. Da geht der Kommissar nicht abends mit der Zigarette im Mundwinkel in die Hocke und starrt in einen leeren Kühlschrank." Wichtig sei ihr ebenso, den Leser mit verschiedenen Verdächtigen zu konfrontieren. "Nur drei Verdächtige - das ist langweilig. Dann wird der erste vom Auto überfahren, fällt also aus. Und weil der zweite so sympathisch ist, muss er der Täter sein."

So präsentierte Nele Neuhaus in Friedberg dem gespannt lauschenden Publikum gleich mehrere Verdächtige. "Tiefe Wunden" spielt zwar in der Jetztzeit, führt aber zurück ins Ostpreußen des Jahres 1945. Ein Plot, der es in sich hat.

"Mich fasziniert das Normale, ich beobachte gerne die Menschen und überlege, was sie gerade so denken mögen", sagte Nele Neuhaus. "Jeder Mensch hat wie der Mond zwei Seiten, also auch eine dunkle. Und wenn ich mir Sie so alle ansehe...", wippte sie spitzbübisch mit ihrem Schopf.

Die OVAG und die Buchhandlung Bindernagel setzen die nächste Saison von "Friedberg lässt lesen" am 22. August mit einer Hebel-Matinee fort.

Nele Neuhaus. Bild: KAVergrößern

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