Auswertung der Funde wird viel Zeit in Anspruch nehmen
08.03.2010 - ECHZELL
(pha). Ein Wirrwarr an Funden durch mehr als 2000 Jahre Besiedlung beschäftigte die Archäologen, die auf der Echzeller "Heinrichswiese" gruben. Bekannt war der Bereich als Alamannensiedlung, erklärte die ehemalige Grabungsleiterin Nicole Boenke, die mit ihrem Team von Mai bis September 2008 die drei Hektar große Fläche freilegte.
Eigentlich sollte mit Ausgrabungen abgewartet werden, bis bessere technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Da die Gemeinde die "Heinrichswiese" jedoch als Baugebiet ausweisen wollte, wurde früher als geplant dort gegraben. In einer rekordverdächtig schnellen, aber gründlichen Arbeit konnten rund 90 Prozent der Funde gesichert werden.
Die ersten Ergebnisse präsentierten Boenke und Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal auf Einladung des Heimat- und Geschichtsvereins. Dass Echzell in der hessischen Landesgeschichte ein besonderer Ort sei, hob Lindenthal hervor. Die Bedeutung der alamannischen Siedlung und der Funde könne man erst verstehen, wenn man sich zunächst die Geschichte des Römischen Weltreiches anschaue.
Die Grenzen des Imperium Romanum seien stets gerade, kostengünstig und strategisch wohl durchdacht angelegt worden. Nur im Bereich der Wetterau macht der Limes einen kleinen Knick gen Norden. Die Grenzbefestigung umschloss die fruchtbare Wetterau, deren Erträge den Mehrbedarf an Palisaden, Wachtürmen, Truppen und Straßen offenbar aufwogen. Neben den Kastellen der Streitkräfte mit dazugehörigen Lagersiedlungen (Vicus) prägten über 100 Villa Rusticae (Gutshöfe) das Bild der Wetterau. Im Jahr 233 n. Chr. kam es zu Überfällen der Germanen auf die Reichsgrenzen. Brandschichten im Boden lassen darauf schließen, dass davon auch der Vicus des Echzell Kastells, das doppelt so groß wie die Saalburg war, betroffen war. Davon jedoch erholte sich das Land, so Lindenthal. Jedoch schwächten Bürgerkriege 260 bis 270 n. Chr. das römische Heer so stark, dass die Grenzen schließlich nicht mehr zu halten waren und man die rechtsrheinischen Gebiete aufgab. In das Machtvakuum in der Wetterau stießen die Alamannen, so Boenke. Sie ließen sich in der Nähe des verlassenen Vicus nieder und behielten ihre traditionelle Holzbauweise bei. Hier zeigte sich auch der Nachteil der Holzbauten: Außer Verfärbungen im Boden ist nicht viel übrig geblieben. Die in den Boden eingelassenen Pfosten, auf denen die Häuser ruhten, hinterließen jedoch ihre Spuren in der Erde. Auf der "Heinrichswiese" habe man über 1000 dieser Spuren entdeckt, so Boenke. Auf dem Gelände entdeckte man unter den Funden der Alamannen auch Stücke aus der Bronzezeit bis in die frühe Eisenzeit. Auch Funde aus der Zeit des Keltenfürsten vom Glauberg (450 v. Chr.), so dass zu erwarten sei, dass auch Echzell etwas über die Bedeutung des Glaubergs zur Zeit der Kelten beitragen könne.
Die Sensation jedoch sei der Fund eines Wohn-Stallgebäudes gewesen. Diese Bauart sei davor nur nördlich von Gießen freigelegt worden. Es lasse darauf schließen, dass die Alamannen der "Heinrichswiese" Viehzüchter waren. Das würde auch erklären, warum sie etwas näher zur Aue siedelten, dort dürften sie größere Weideflächen vorgefunden haben. Besonders bemerkenswert fand Boenke zwei mannshohe Brennöfen für Keramiken. Die vielen Fehlbrände und Scherben habe man tonnenweise bergen können. Andernorts bei Grabungen habe man bereits Teile dieser Keramiken gefunden. Nach der Entdeckung der Öfen auf der "Heinrichswiese" mit den Fehlbränden wisse man endlich, wo die verbreiteten Stücke hergestellt worden waren: in Echzell. Die Auswertung der Funde wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen, sind sich Lindenthal und Boenke sicher. Jedoch wird eine erste kleine Ausarbeitung bereits im Geschichtsband zu lesen sein, der in diesem Jahr vom Heimat- und Geschichtsverein herausgegeben wird.