Schrittweiser Abschied vom „Fräulein vom Amt“
04.09.2010 - LAUTERBACH
Lauterbacher konnten ab März 1937 im Ort selbst wählen - Ende der Provinz Oberhessen
(vn). Im März 1937 wurde das „Fräulein vom Amt“ in Lauterbach erstmals etwas entlastet: Mit der Einweihung des neuen Postamtes am Goldhelg konnten die Lauterbacher innerhalb des Ortsnetzes selbst wählen, Ferngespräche wurden weiter durch eine Mitarbeiterin der Post vermittelt.
Die Umstellung erfolgte am 24. März nachmittags um 13 Uhr. Die betroffenen Haushalte erhielten neue Telefonapparate, mit denen sie selbst wählen konnten. Das war bis dahin nicht möglich gewesen. Bis dahin hob der Telefonnutzer nur den Hörer von der Gabel und wartete auf den Ruf „Hier Amt!“, um dann die Rufnummer seines gewünschten Gesprächspartners durchzugeben.
„Der Schalterraum mit seinen vier Schaltern, dazu dem Paketschalter, lässt schon jetzt außerordentliche Annehmlichkeiten für das Publikum erkennen“, schrieb der LA. Die Fläche des Abfertigungsraums habe sich im Vergleich zum bisherigen Amt in der Bahnhofstraße verdrei- oder vervierfacht. Dabei relativierte der LA ein wenig seine zwei Wochen zuvor geäußerte Kritik: Die Eingangstür sei ein bisschen klein geraten, hatte das Blatt bemängelt. Acht Jahre lang war über den Bau diskutiert worden. Bei der Eröffnung äußerte der LA, die Stadt Lauterbach habe wohl nie zuvor eine Neuerung erhalten, über die so viel geredet und geschrieben wurde wie das Postamt.
Anfang März 1937 druckte der LA vermutlich das erste Mal das Foto einer Fußballmannschaft aus der Region. Der VfL Lauterbach war Bezirksklassenmeister der Gruppe Fulda geworden. Vom entscheidenden Spiel bei Blitzenrod, das mit 4:0 geschlagen wurde, kehrte die Mannschaft von Schlachtenbummlern und dem Musikverein begleitet in einem Triumphzug auf den Marktplatz zurück. Schon 1928 war es dem VfL gelungen, den Titel zu erringen. Die Meisterschaft war solch ein Ereignis, dass der LA über das Spiel im Sportteil und über die Feier im Lokalteil berichtete. Als wenige Wochen später der zuständige Fuldaer Kreisfachamtsleiter Max Hüttenmüller nach Lauterbach kam, um zu gratulieren, überbrachte er auch die Grüße des Fachblattes Kicker. Die renommierte Fußball-Zeitschrift war 1920 gegründet worden, ein Jahr nach dem VfL.
Vielleicht, um sich von der scharfen Konkurrenz der NS-Presse abzusetzen, veröffentlichte der LA 1937 erstmals eine Liste aller Konfirmanden, aufgeteilt nach Pfarreien. Vom NS-Regime wurde diese Würdigung kirchlicher Arbeit nicht mit Wohlwollen gesehen, aber sie wurde geduldet, zumal sich die Pfarrer im Vogelsberg ja weit überwiegend regimetreu gezeigt hatten.
Um besser durchgreifen zu können, hob Reichsstatthalter Jakob Sprenger zum 1. April 1937 die Provinzen auf. Die Provinz Oberhessen hatte das Großherzogtum Darmstadt 1815 geschaffen. Die Zuständigkeiten, insbesondere für die Provinzialstraßen, die Landesheil- und Pflegeanstalten und chemischen Untersuchungsämter, wurden vom Land Hessen übernommen. Reformiert werden sollte der Ladenschluss an Samstagen. Die Geschäfte, die bisher erst um 19 Uhr schlossen, sollten samstags bereits um 16 Uhr schließen dürfen, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten.
Die Eichenroder Molkerei investierte. Für die Fuhrleute, die die Milch mit dem Pferdegespann brachten, wurde ein Aufenthaltsraum geschaffen, die Maschinen und Pumpen erhielten jeweils eigene Elektromotoren. Angeschafft wurden eine elektrische Milchwaage, eine Zentrifuge mit einer Leistung von 3 000 Litern und ein Plattenerwärmer zur Pasteurisierung der Milch.
In Angersbach wurde Georg Schäfer (36) im März 1937 als neuer ehrenamtlicher Bürgermeister vereidigt. Er hatte die Gemeinde bereits seit Februar 1936 kommissarisch geführt. Schäfer war in der Region als Leiter der Gesangvereine Lauterbach, Blitzenrod und Angersbach bekannt. In Hörgenau löste Heinrich Ochs, bis dahin zweiter Beigeordneter, den langjährigen Bürgermeister Heinrich Greb ab, der 18 Jahre lang im Amt gewesen war.
Eine spektakuläre Hochzeit mit einem königlichen Gast hielt die Region in Atem. Mehr davon am Mittwoch.