Im Sonntagsstaat ins „neue“ Rathaus
04.02.2012 - ALSFELD
Vor genau 100 Jahren wurde Alsfelds Wahrzeichen nach Renovierung wieder seiner Bestimmung übergeben
(gsi). Er mochte ein kalter Wintertag gewesen sein, der 4. Februar vor genau hundert Jahren, und doch hatten sich viele Menschen in ihrem feinsten Sonntagsstaat aufgemacht, um einem ganz besonderen Ereignis in ihrer Heimatstadt beizuwohnen: Nach zweijähriger Renovierungszeit wurde das Wahrzeichen Alsfelds, das in den Jahren 1512 bis 1516 erbaute historische Fachwerkrathaus, wieder seiner Bestimmung übergeben.
In einer Feierstunde, umrahmt vom damals noch jungen Gesangverein Liederkranz Harmonie, würdigten zahlreiche Vertreter öffentlicher Gremien zum einen die Anstrengungen der Stadt und der Bürger, die „sich durch Spendungen und Stiftungen bei der Neuherstellung verdient gemacht haben“, wie die Oberhessische Zeitung am 6. Januar von der Veranstaltung berichtet. Zum anderen erntete der verantwortliche Leiter des Baues, Regierungsbaumeister Friedrich Konrad Kuhlmann, viel Lob von Seiten der Redner. Die Lokalzeitung führt davon eine ganze Reihe ins Feld: Bürgermeister Dr. Völsing dankte Kuhlmann für „seine mühevolle und schöne Arbeit“. „So ergreife ich denn namens der Stadt Alsfeld mit dem heutigen Tag Besitz von dem wiederhergestellte Rathause zugleich mit dem Gelübde, die Geschäfte der städtischen Verwaltung so zu führen, daß wir jederzeit in Ehren bestehen können vor der Gegenwart und der Nachwelt zum Segen und Wohle unserer schönen und geliebten Stadt Alsfeld. Das walte Gott!“, zitiert die Zeitung den damaligen Rathauschef.
Viel Stolz klang in dieser Rede mit, und man mag nur erahnen, was der neue Einzug in das alte Rathaus für die städtischen Gremien, die noch vor nicht allzu lang vergangener Zeit gar einen Abrissbeschluss für das völlig marode Gebäude gefasst hatten, nun bedeutete. Glückwünsche zu der gelungenen Wiederherstellung und viele gute Wünsche für die Zukunft schwangen in allen weiteren Reden mit, die der Alsfelder Anzeiger wiedergibt: Ministerialrat Hölzinger überbrachte der Stadt Alsfeld die Glückwünsche der Regierung. „Auch sein Wunsch gehe dahin, daß dieser prächtige Bau der Stadt Alsfeld, ganz Hessen und Deutschland noch lange, lange Jahre erhalten bleiben möge“, erinnert der Bericht in der Tageszeitung an einen Ausspruch, der auch ein Jahrhundert später noch Bestand hat.
Auch der Geheime Oberbaurat Klingehöffer gratulierte im Namen des Großherzoglichen Ministeriums und Kreisrat Dr. Heinrichs schilderte laut Oberhessischer Zeitung „in kurzen aber kernigen Worten das harmonische Zusammenarbeiten der Stadtvertretung und der Kreisverwaltung, gerade zu der Zeit, da vom Stadtvorstand beschlossen worden war, das Rathaus abzubrechen.“
Ein Rundgang führte die Gäste durch das in neuem Glanz erstrahlende Rathaus. Unter ihnen waren neben den Rednern auch Prof. Walbe als oberster Denkmalpfleger, Kreisamtmann Dr. Seyfferth, der gesamte Stadtvorstand, die Bauhandwerker sowie eine ganze Anzahl „Herren verschiedener Corporationen“. Und nicht zuletzt waren alle Alsfelder Bürger eingeladen, sich das strahlende Wahrzeichen ihrer Stadt anzusehen: „An unsere Mitbürger“ lautete die Überschrift des großen Zeitungsinserats in der Lokalzeitung vom 3. Februar 1912. Im Namen des Stadtvorstandes lud Bürgermeister Dr. Völsing von der Großherzoglichen Bürgermeisterei Alsfeld zur großen Einweihungsfeier für Sonntag, den 4. Februar 1912, öffentlich ein. Für viele Alsfelderinnen und Alsfelder mochte es gar das erste Mal überhaupt gewesen sein, dass sie das Rathaus von innen gesehen haben, und wie mochte es ihnen den Atem geraubt haben, als sie vor seiner neuen, wunderbaren Pracht standen.